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Der KI-Boom geht in eine neue, möglicherweise disruptive Phase. Autonome KI-Agenten könnten ganze Geschäftsmodelle verändern und die Produktivität erheblich steigern. Gleichzeitig zeichnen sich Risiken ab – bis hin zu regulatorischen Eingriffen, die das Wachstum bremsen könnten. Für Anleger wird die Unterscheidung zwischen Gewinnern und Verlierern wichtiger denn je.
Arne Rautenberg , Leiter Portfoliomanagement Aktien
Frankfurt am Main, 29. Oktober 2026 - Künstliche Intelligenz bleibt einer der wichtigsten strukturellen Treiber an den Aktienmärkten. Doch die nächste Phase des KI-Zyklus dürfte sich grundlegend von der bisherigen unterscheiden. Während zunächst vor allem Hersteller von Halbleitern, Betreiber von Rechenzentren und Cloud-Anbieter profitierten, verschiebt sich der Fokus zunehmend auf die wirtschaftliche Anwendung der Technologie. Entscheidend wird nicht mehr allein sein, wer die Infrastruktur bereitstellt, sondern wer daraus nachhaltige Gewinne erzielt.
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Der Investitionsboom ist damit keineswegs vorbei – eher im Gegenteil. Die KI-Investitionen dürften sich in den kommenden Jahren gegenüber dem Vergleichsjahr 2025 verdreifachen. Die Nachfrage nach Rechenleistung wächst weiter und schafft neue Engpässe bei Stromversorgung, Netzinfrastruktur und Kühlung. Doch mit den Investitionen steigen auch die Erwartungen. Die großen KI-Unternehmen müssen zunehmend beweisen, dass sich ihre milliardenschweren Ausgaben in höheren Umsätzen, Margen und freien Cashflows niederschlagen. Gerade für die großen Namen stehen die Zeichen weiterhin gut. Die Zahl der Nutzer steigt rapide und schneller als bei vorangegangenen technologischen Revolutionen. Die großen Namen im Cloudgeschäft weisen operative Margen jenseits der 30 Prozent aus und die Nachfrage nach Rechenkapazität ist gigantisch. Und doch beginnt der Markt immer stärker zu differenzieren und sucht nach den Gewinnern der kommenden Innovationsrunde.
Der nächste große Technologiesprung könnte von der sogenannten agentischen KI ausgehen. Anders als bisherige KI-Anwendungen, die vor allem Texte, Bilder oder Programmcodes erzeugen, können KI-Agenten eigenständig mehrstufige Aufgaben planen, Entscheidungen vorbereiten und Prozesse ausführen. Aus einem Werkzeug, das Menschen unterstützt, wird damit zunehmend ein System, das ganze Arbeitsabläufe übernehmen kann.
Das wirtschaftliche Potenzial ist erheblich. KI-Agenten könnten beispielsweise Software entwickeln, Kundenanfragen bearbeiten, Beschaffungsprozesse steuern oder komplexe Finanz- und Verwaltungsaufgaben automatisieren. Damit geht es nicht mehr nur um Effizienzgewinne bei einzelnen Tätigkeiten, sondern um die Neuorganisation ganzer Wertschöpfungsketten.
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Gerade darin liegt das disruptive Potenzial. Wenn KI-Agenten Aufgaben übernehmen, für die bislang spezialisierte Software, externe Dienstleister oder große Mitarbeiterteams benötigt wurden, geraten etablierte Geschäftsmodelle unter Druck. Besonders betroffen könnten Softwareanbieter sein, deren Erlöse an die Zahl menschlicher Nutzer gekoppelt sind, sowie IT-Dienstleister, die überwiegend standardisierbare Leistungen anbieten. Szenarioanalysen beziffern das potenzielle Schrumpfungsrisiko für das Kerngeschäft von IT-Dienstleistern durch agentische KI auf 20 bis 30 Prozent.
Der Wettbewerb wird sich dadurch verschieben: weg vom Verkauf einzelner Softwarelizenzen hin zur Vergütung tatsächlich erbrachter Leistungen und Ergebnisse. Unternehmen, die diesen Wandel gestalten, könnten neue Märkte erschließen. Wer dagegen an bestehenden Geschäftsmodellen festhält, riskiert, von der eigenen Technologieentwicklung überholt zu werden.
In den vergangenen Monaten hat sich ein weiteres Risiko für KI abgezeichnet: Je mehr Entscheidungen Maschinen eigenständig treffen, desto drängender werden Fragen nach Kontrolle, Haftung, Datenschutz und Cybersicherheit. Die Ausbrüche von KI von OpenAI oder Anthropic, die sich eigenständig in fremde Systeme hackten, könnten nur der Auftakt gewesen sein.
Bemerkenswert ist, dass die Warnungen längst auch aus der KI-Branche selbst kommen. OpenAI-Chef Sam Altman hat wiederholt auf die Risiken leistungsfähiger KI hingewiesen. Zugleich zeigt die aktuelle Debatte, wie unterschiedlich die Vorstellungen über angemessene Sicherheitsvorkehrungen und staatliche Eingriffe sind.
Damit einher gehen zahlreiche Fragen: Sind einzelne Unternehmen oder Staaten einseitig tatsächlich bereit, ihren Fortschritt bei Modellen dauerhaft zu bremsen, solange nicht sichergestellt ist, dass Wettbewerber – insbesondere China – mitziehen? Eine wirksame Begrenzung würde voraussichtlich eine breit angelegte internationale Koordination erfordern, die zum jetzigen Zeitpunkt alles andere als absehbar ist. Die US-Regierung hat sich bisher klar gegen eine starke Regulierung von KI-Modellen ausgesprochen, was eine regulatorisch bedingte Verlangsamung unwahrscheinlicher macht. Der Wettlauf geht ungebremst weiter.
Europas Stärke liegt in der industriellen Anwendung von Künstlicher Intelligenz.
Arne Rautenberg
Leiter Portfoliomanagement Aktien
Sollte der Fortschritt bei KI-Modellen tatsächlich nachhaltig gedrosselt werden, dürfte dies Investitionen in Trainingsinfrastruktur tendenziell reduzieren. Ein möglicher Ausgleich wäre, dass der Bedarf an Rechenleistung zunehmend durch die Anwendung bestehender Modelle, die sogenannte Inferenz, und neue agentische Anwendungen getrieben wird. Denn viele der heute verfügbaren Modelle sind bereits leistungsfähig genug, um Unternehmensprozesse zu automatisieren und bestehende Geschäftsmodelle zu verändern, sodass ihre zunehmende Verbreitung weiterhin hohe Investitionen in Rechenkapazitäten erfordern dürfte.
Ein realistisches Szenario könnte am Ende ein Mittelweg sein: strengere Sicherheitsstandards, mehr externe Prüfungen und höhere Compliance-Anforderungen, ohne jedoch den Modellfortschritt wesentlich einzuschränken. Über die kommenden Monate bleibt zu beobachten, ob aus der aktuellen Debatte tatsächlich eine spürbare Verlangsamung der Investitionen folgt oder lediglich strengere Rahmenbedingungen für deren weiteren Ausbau.
Mit der zunehmenden Verbreitung agentischer KI könnte sich auch der Kreis der Börsengewinner erweitern. Neben den Technologieplattformen rücken Unternehmen in den Vordergrund, die KI nutzen, um ihre eigene Wertschöpfung grundlegend zu verändern.
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Gerade für Europa eröffnet diese Entwicklung Chancen. Zwar dominieren US-amerikanische und asiatische Unternehmen die Entwicklung zentraler KI-Technologien. Doch Europas Stärke liegt in der industriellen Anwendung. Im Maschinenbau, in der Robotik, im Gesundheitswesen und bei komplexen industriellen Prozessen dürfte KI erhebliche Produktivitätspotenziale freisetzen. Denn mit Blick auf die Wertschöpfung in den Unternehmen ist KI kein Selbstzweck. Für Investoren wird es in den kommenden Monaten verstärkt darauf ankommen, wer die Technologie für sein Geschäftsmodell optimal einsetzt und für höhere Margen und verbesserte Profitabilität nutzt und wer die Chance für Effizienzgewinne verpasst.
Dabei wird sich der Erfolg nicht allein daran messen lassen, wie viele Unternehmen KI einsetzen. Entscheidend ist, ob sie ihre Prozesse tatsächlich neu gestalten und die Produktivitätsgewinne in höhere Margen und Gewinne umsetzen können.
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