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Gasspeicher: Keine Angst vor dem Notstand
Thomas Benedix , Senior Portfoliomanager Rohstoffe
Frankfurt am Main, 14. September 2026 - Die Lage scheint bedrohlich: Die Füllstände in den deutschen Gasspeichern liegen weit unter den historischen Durchschnitten. Das ursprünglich von der Regierung ausgegebene Ziel, bis November einen Füllstand von 80 Prozent sicherzustellen, kann kaum noch erreicht werden. Beruhigend ist das nicht, Panik ist allerdings unangebracht.
Das Problem kommt nicht überraschend: Experten haben seit Monaten auf die niedrigen Füllstände der Gasspeicher hingewiesen, nachdem man bereits mit einem Defizit im Vergleich zu den Vorjahren aus dem Winter kam. Die Gründe sind schnell gefunden. Da ist erstens ein Angebotsdefizit angesichts des Konflikts im Nahen Osten und der Sperrung der Straße von Hormus – und zweitens der Marktmechanismus. Gas war in der ersten Jahreshälfte schlicht so günstig, dass es sich für viele Exporteure nicht gelohnt hat, nach Europa zu verschiffen. Der Rohstoff ging also bevorzugt nach Asien, wo zudem höhere Preise gezahlt wurden als in Europa. Das hat sich allerdings mittlerweile gedreht: Die Exporteure bekommen mittlerweile eine Prämie von rund fünf Euro pro Megawattstunde, wenn sie das Gas nicht nach Asien, sondern nach Europa liefern. Das ist auch der Grund, warum die Speicher nun beginnen sich zügiger zu füllen als in den vergangenen Monaten. Der Markt richtet es eben zu seinen Konditionen – und viele asiatische Abnehmer wie etwa China oder Pakistan können oder wollen beim aktuellen Preisniveau nicht mithalten.
Wie verlässlich der Mechanismus funktioniert, hat sich im Jahr 2022 gezeigt, als nach dem russischen Überfall auf die Ukraine die Pipelines gekappt wurden und die Bundesregierung alle Hebel in Bewegung gesetzt hatte, um Gas zu importieren. Der Preis lag mit rund 300 Euro pro Megawattstunde seinerzeit weit jenseits der gewohnten Niveaus. Zu einer Mangellage kam es in Europa aber nie. Aktuell erreicht die Megawattstunde schon überdurchschnittliche 80 Euro.
Es gibt weitere Gründe, die gegen den drohenden Notstand sprechen: Die Importstruktur hat sich verbessert. Vor fünf Jahren kamen Gasimporte fast ausschließlich über Pipelines aus Osteuropa nach Deutschland. Mittlerweile ist die Versorgung durch Flüssiggasterminals diversifiziert, so dass an mehreren Stellen von verschiedenen Anbietern Gas abgenommen werden kann. Deutschland ist also nicht mehr so sehr auf prall gefüllte Lager angewiesen.
Darauf zielt auch der nächste Grund: Die Nachfrage in Europa hat sich in den vergangenen Jahren um rund 20 Prozent verringert, nicht zuletzt, weil viele Haushalte sich von ihrer Gasheizung verabschiedet haben. Ein Teil des Rückgangs geht allerdings auch auf die geringere Auslastung energieintensiver Industrien zurück. Dementsprechend hält heute ein zu 70, 75 oder 80 Prozent gefüllter Speicher länger als noch vor fünf Jahren.
Kann man sich deshalb entspannt zurücklehnen? Nein. Der erhöhte Preis signalisiert, dass der Markt die niedrigen Füllstände registriert. Zum Vergleich: Vor dem Iran-Krieg waren eher 30 Euro pro Megawattstunde üblich. Wenn sich die Lage zuspitzt, sind auch 100 Euro im Rahmen des Möglichen. Die gute Nachricht ist jedoch, dass es ausreichend Gas geben wird, bevor Wohnungen in Deutschland kalt bleiben. Die Endverbraucher sind gut beraten, wenn sie mit fossilen Ressourcen sparsam umgehen. Ansonsten – und das ist die weniger Gute: Der Preis und damit die Gasrechnung wird in diesem Winter höher sein als in den letzten Jahren.
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