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Lagarde deeskaliert in der Geldpolitik
Christian Kopf , Leiter Portfoliomanagement Renten
Frankfurt am Main, 25. März 2026 - Die Grundsatzrede von Christine Lagarde auf der heutigen ECB-Watchers-Tagung in Frankfurt bestätigt unsere Einschätzung, dass eine Leitzinserhöhung der Europäischen Zentralbank (EZB) im April 2026 keinesfalls ausgemacht ist und auch nicht das wahrscheinlichste Szenario darstellt. Was wir heute gehört haben, war ein klares Votum für Deeskalation und Besonnenheit in der Geldpolitik.
Die gute und weitgehend entspannte Stimmung, welche die Auftritte von EZB-Präsidentin Christine Lagarde noch im Herbst 2025 auszeichnete, ist einer großen Anspannung gewichen. Zu Beginn des Jahres 2026 war die Geldpolitik noch in einem stabilen Gleichgewicht. Die Wirtschaft im Euroraum wuchs etwa ein Prozent, die Teuerungsrate lag sehr nahe am Inflationsziel von zwei Prozent und der Leitzins hatte ebenfalls ein neutrales Niveau erreicht.
Doch die Angriffe der USA und Israels auf den Iran, welche die weitgehende Schließung der Meerenge von Hormus nach sich zogen, konfrontierten die EZB plötzlich mit dem Problem eines massiven Anstiegs der Inflation. Die volkswirtschaftliche Abteilung der EZB veröffentlichte drei Szenarien, die das hohe Ausmaß an Unsicherheit über die weitere Entwicklung der Konsumentenpreise widerspiegeln. Selbst im Basisszenario der EZB sollte die Inflation im Jahr 2026 auf 2,6 Prozent ansteigen, während die Volkswirte der Zentralbank in einem adversen Szenario mit einer Inflationsrate von 3,6 Prozent und in einem Krisenszenario mit einer Teuerungsrate von mehr als vier Prozent rechnen.
Die Finanzmärkte haben rasch auf diese neue Lage reagiert und ihre Leitzinserwartungen deutlich angepasst. Mittlerweile preist der Rentenmarkt für die kommenden zwölf Monate fast vier Leitzinserhöhungen um jeweils 0,25 Prozent auf ein Niveau von drei Prozent ein, und weist einer Leitzinserhöhung bereits im April 2026 eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit zu.
Vor diesem Hintergrund setzte Christine Lagarde heute auf Deeskalation und Besonnenheit. Die EZB behält die Risiken im Blick, werde aber ihre Instrumente schrittweise einsetzen, je nachdem, wie sich der Schock entwickelt. Sie warnte zudem davor, die aktuelle Situation ausschließlich durch die Brille des Energieschocks von 2022 zu betrachten. Einiges deutet darauf hin, dass sich steigende Energiepreise diesmal weniger stark auf die Inflation auswirken. Es gibt weniger aufgestaute Nachfrage und einen geringeren Arbeitskräftemangel, und auch die Geldpolitik kommt von einem anderen Ausgangspunkt.
Lagarde wies darauf hin, dass die EZB in jeder der Sitzungen des Notenbankrates eine Leitzinserhöhung beschließen könnte, also prinzipiell auch bereits im kommenden Monat. Sie stellte jedoch auch klar, dass eine Zinserhöhung noch nicht beschlossene Sache sei, entgegen den Erwartungen der Finanzmärkte. Vielmehr wolle die EZB sich „in einem Umfeld, in dem sich die Aussichten rasch ändern könnten, nicht die Hände binden lassen“.
Lagardes Botschaft an die Kapitalmärkte hat sich in den letzten Wochen gewandelt. Wir befinden uns nicht mehr „in einer guten Lage“, wie sie vor Ausbruch des Iran-Kriegs bei Pressekonferenzen immer wieder betonte. Aber wir „gehen von einem guten Ausgangspunkt in diesen Schock hinein“, mit einer Inflationsrate nahe am Zielwert der EZB und einem Leitzins, der nicht mehr locker, sondern weitgehend neutral ist.
Lagardes Rede bestätigt unsere Einschätzung, dass eine Leitzinserhöhung im April keinesfalls ausgemacht ist, und auch nicht das wahrscheinlichste Szenario darstellt. Insbesondere bei einem zeitnahen Ende des Irankrieges ist keine Reaktion der EZB zu erwarten. Die dürfte erst dann folgen, wenn sich die Zeichen für Zweitrundeneffekte verdichten. In jedem Fall gilt: Was wir heute gehört haben, war ein klares Votum für Deeskalation in der Geldpolitik.
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