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Sell in May – sinnvolle Börsenregel?
Tobias Schmidt, Leiter Portfoliomanagement
In unsicheren Zeiten sind einfache Börsenweisheiten gern gesehen. Aber ist „Sell in May and go away“ in diesem Jahr sinnvoll? Der Blick zurück zeigt: In den vergangenen achtzig Jahren brachte das Halbjahr Mai bis Oktober im US-Aktienindex S&P 500 im Schnitt eine klar niedrigere Rendite als von November bis April. Doch zugleich waren die Sommermonate in zwei von drei Jahren positiv. Blind verkaufen war historisch betrachtet also selten die bessere Wahl. Hinzu kommt, dass dieses Jahr ein Midterm-Jahr ist – im November finden in den USA Zwischenwahlen statt. In fünf der letzten zehn Midterm-Jahre fiel der US-Leitindex von Mai bis Oktober, was auch an Sorgen in Hinblick auf eine politische Blockade liegen dürfte.
Entscheidender für die weitere Kursentwicklung an den Börsen ist aktuell aber, ob und wie rasch es zu einer Deeskalation im Iran-Konflikt und einem nachhaltigen Rückgang der Energiepreise kommt. Je länger wir auf eine Beruhigung warten müssen, desto ungünstiger werden die Aussichten an den Kapitalmärkten für das zweite Halbjahr. Denn wenn die Straße von Hormus nicht bald wieder für den Schiffverkehr frei befahrbar wird, drohen Energieknappheit, höhere Inflation und wirtschaftliche Stagnation. Für Anleger ist also nicht ein starres Festhalten an einer Börsenregel angezeigt. Die unsichere Weltlage erfordert vielmehr Risikobewusstsein und aktives Handeln, wenn es die Situation erforderlich macht – und das muss nicht zwingend im Mai sein.