Die Inflation ist zurück

Frankfurt am Main, 22. April 2021 – Jahrelang war die Inflationsrate kein Thema. Doch seit Januar ziehen die Konsumentenpreise im Euroraum an. Viele wähnen schon das Schreckgespenst der hohen Inflation wieder um die Ecke schauen. Warum sie entspannt bleiben können, erklärt Dr. Stefan Kipar, Gruppenleiter Macro & Economics.

 

Herr Dr. Kipar, im Euroraum ist die Inflation Anfang 2021 sprunghaft gestiegen, obwohl wir uns noch mitten der Corona-Pandemie befinden. Wie passt das zusammen?

Im Euroraum stieg die Inflationsrate von -0,3 Prozent im Dezember 2020 auf mittlerweile 1,3 Prozent im März. Diese Zahl sieht dramatischer aus, als sie tatsächlich ist, da zu Beginn dieses Jahres drei Sondereffekte in die Berechnung eingeflossen sind. Für zwei von ihnen ist Deutschland verantwortlich. Zum einen wirkte sich der Wegfall der Mehrwertsteuer-Vergünstigung aus, zum anderem die neue CO2-Abgabe. Allein die vorübergehende Senkung der deutschen Mehrwertsteuer sorgte im Juli 2020 für ein Absinken der monatlichen Kerninflation im Euroraum um 0,7 Prozentpunkte. Im Januar verkehrte sich dieser Effekt mit +0,5 Prozentpunkten beinahe wieder ins Gegenteil.

Darüber hinaus hat sich die Gewichtung des Warenkorbs geändert, nach der die Statistikbehörde Eurostat die Veränderung der Konsumentenpreise berechnet. Da der Warenkorb an das Konsumverhalten des Vorjahres angepasst wird, ist die Gewichtung von Komponenten gesunken, bei denen kein Preisdruck besteht, wie Pauschalreisen. Der Anteil vieler Komponenten, bei denen es zu Preissteigerungen kam, ist hingegen gestiegen, beispielsweise von Lebensmitteln.

Das spüren die meisten Verbraucher und haben Angst vor einer Rückkehr der Inflation. Kommt das Schreckgespenst der hohen Inflation zurück?

Klar ist, dass die Inflationsraten in der zweiten Jahreshälfte noch spürbar steigen werden. Im Euroraum wird die Zwei-Prozent-Schwelle im vierten Quartal wohl überschritten werden und in Deutschland dürfte sogar zeitweise eine drei vor dem Komma stehen. Dies ist allerdings nicht der Anfang eine langen Phase hoher Inflationsraten. Der tatsächliche Preisauftrieb ist weiterhin moderat. Zwar wird die Inflationsrate in Deutschland im Jahresdurchschnitt 2021 voraussichtlich über 2 Prozent liegen. Aber schon 2022 wird sich die Lage wieder beruhigen und die Inflation wieder deutlich die Zwei-Prozent- Marke verfehlen.

Was macht Sie da so sicher?

Zu den Sondereffekten im Januar gesellt sich noch ein Basiseffekt in der zweiten Jahreshälfte, der die Jahresrate spürbar heben wird. Denn dann wird das Preisniveau mit dem besonders niedrigen Niveau in der Pandemie verglichen. Doch mittelfristig dominieren die fundamentalen Faktoren und diese stehen wohl noch für einige Zeit im Zeichen der Corona-Krise.

Dr. Stefan Kipar
Dr. Stefan Kipar ist seit Februar 2021 im Bereich Research & Investment Strategy von Union Investment tätig. Er leitet die Gruppe Macro & Economics, deren Aufgabenfeld die makroökonomischen Fragestellungen und das thematische Research umfasst.

Können Sie uns ein Beispiel nennen, auf welche Faktoren achten Sie hier?

Der Arbeitsmarkt etwa bleibt angespannt, daher kommt von der Lohnseite kein Preisdruck auf. Auch die Kapazitäten der Industrie sind noch nicht wieder voll ausgelastet. Wir erwarten zwar, dass sich die Situation in den kommenden Monaten schrittweise bessert und mit den Impffortschritten spätestens im vierten Quartal 2021 die Auslastung der europäischen Wirtschaft wieder das Vor-Krisen-Niveau erreicht. Von einem unmittelbaren starken Preisauftrieb ist aber auch dann nicht auszugehen.

Welche Auswirkungen hat das auf die Zinsentwicklung?

Die Inflation wird vor allem im laufenden Jahr spürbar steigen. Blendet man die Sondereffekte aus, ist der Preisauftrieb aber nicht überbordend. Die Notenbanken werden ihre expansive Geldpolitik weiterführen. Insbesondere bei der Europäischen Zentralbank liegt eine geldpolitische Normalisierung noch in weiter Ferne. Sie hat bereits klargemacht, dass sie durch den kurzfristigen Anstieg der Inflation hindurchschaut. Somit hält sie an der bisherigen lockeren Geldpolitik fest, von Leitzinsanhebungen ist nach wie vor erst in einigen Jahren auszugehen.

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