Der Krypto-Crash: Ende eines Hypes oder kurzfristiges Intermezzo?

Der Krypto-Crash: Ende eines Hypes oder kurzfristiges Intermezzo?

Bei Bitcoin und Ethereum kam es in den letzten Wochen zu einem massiven Kursverfall. Unsere Experten Daniel Bathe und André Dragosch erklären die Hintergründe.

Der Krypto-Crash: Ende eines Hypes oder kurzfristiges Intermezzo?

Frankfurt am Main, den 25. Mai 2021 - Dieses Jahr begann eigentlich sehr gut für Kryptowerte: Während Bitcoin sich bereits bis April mehr als verdoppeln konnte, legten andere Kryptowährungen wie Ethereum sogar um fast 500 Prozent zu. In den letzten beiden Wochen erfuhren sie allerdings einen massiven Kursverfall. Daniel Bathe, Senior Portfoliomanager, und André Dragosch, Cross Asset Analyst, sprechen über die Hintergründe.

André Dragosch ist als Cross Asset Analyst bei Union Investment tätig. Neben seiner Funktion als Investmentstratege mit Fokus Aktien, ist er verantwortlich für das Research von Digital Assets und insbesondere Bitcoin für die Union Investment.
Daniel Bathe ist seit Mai 2016 als Portfoliomanager im Bereich Multi Asset bei Union Investment tätig. Er verantwortet die Entwicklung und das Management sämtlicher Rohstofffonds.

Aus welchem Grund sind Kryptowährungen derzeit ein so großes Thema?

André Dragosch: Grundsätzlich sind Krypto-Assets im Vergleich nach wie vor eine kleine Assetklasse. Aber die zugrunde liegende Idee eines sogenannten „Internet of Value“ kann unsere Welt potenziell ähnlich stark wandeln wie die Entwicklung des World Wide Web. Denn Wert-Transaktionen – mit „Wert“ sind zum einen Geld oder Wertpapiere, zum anderen aber beispielsweise auch Kunst oder geistiges Eigentum gemeint – kann dann nahezu in Echtzeit getätigt werden. Die dem zugrunde liegende Blockchain-Technologie ermöglicht schnellere, kostensparende und damit auch effizientere Transaktionen als wir sie bislang haben. Entsprechend steigt die Akzeptanz der Technologie in der Wirtschaft und dem Finanzsektor.

Können Sie das weiter ausführen?

André Dragosch: Im Mai gab es die erste digitale Anleiheemission der Europäischen Investitionsbank auf einer öffentlichen Blockchain. Union Investment hat daran in Kooperation mit der DZ Bank als einzige deutsche Adresse teilgenommen.  Ebenfalls im Mai hat der Bundestag ein neues Gesetz für elektronische Wertpapiere beschlossen. Die Entwicklung geht derzeit also klar in die Richtung einer zunehmenden Digitalisierung des Wertpapiergeschäfts.

Trotz dieser Ausgangslage haben Kryptowährungen in den vergangenen Tagen deutliche Verluste hinnehmen müssen. Was sind die Gründe dafür?

André Dragosch: Dafür gibt es mehrere Ursachen. Blicken wir zunächst auf die von zwei Zentralbanken: Die Chinesische Volksbank (PBoC) hat in der vergangenen Woche bekanntgegeben, Finanzdienstleistungen zukünftig nicht mehr in Kryptowährungen zu erlauben. Fast gleichzeitig verlautbarte die EZB, dass sie mit Sorge auf die hohen Bewertungen von Kryptowerten schaue.

Welche Rolle spielte Tesla, das in zahlreichen Medien in Zusammenhang mit dem Kursverfall des Bitcoin genannt wurde?

André Dragosch: Tesla hat eine Kehrtwende um 180 Grad vollzogen. Ende März hat das Unternehmen bekanntgegeben, dass Kunden Fahrzeuge mit Bitcoin kaufen können. Rund sechs Wochen später hat Tesla allerdings verkündet, dass es Zahlungen in Bitcoin nicht mehr akzeptieren werde. Insbesondere der hohe Energieverbrauch bei der Bitcoin-Produktion wurde dabei als Grund angeführt. Bereits zuvor hatte Tesla 100 Mio. US-Dollar ihrer ursprünglichen 1,5 Mrd. US-Dollar Bitcoin-Position veräußert. In der Kombination führte dies zu Spekulationen über einen möglichen Verkauf dieser großen Position. Tesla hat jedoch bislang dementiert, dass es plant, seine restlichen Bitcoin-Bestände zu verkaufen.

Welche Auswirkungen hatte diese Gemengelage am Markt?

Daniel Bathe: Im Verlauf dieser Nachrichten verlor der Bitcoin innerhalb weniger Tage über 50 Prozent an Wert. Alleine am Donnerstag, 20. Mai, verlor die Kryptowährung im Tagesverlauf 13.500 US-Dollar, das waren 31 Prozent. Erst einmal zuvor hatte es einen so hohen Tagesverlust für den Bitcoin gegeben. Das war am 12. März 2020, dem Höhepunkt des Corona-Abverkaufs. Damals hatte der Bitcoin rund 40 Prozent verloren.

Inwiefern war diese Entwicklung absehbar?

André Dragosch: Bereits seit Mitte Februar konnte man ein abnehmendes Momentum der Fonds-Zuflüsse und auch erste Abflüsse beobachten, insbesondere beim weltweit größten Bitcoin-Fonds. Viele Bewertungsmetriken zeigten zudem bereits eine Überbewertung von Bitcoin an. Auf Basis dieser Indikatorenlage haben gerade institutionelle Investoren in den ersten Monaten des Jahres Gewinne realisiert.

"Kurzfristig erscheint der Kursrutsch übertrieben zu sein. Dementsprechend können sich mittel- und langfristig jetzt wieder attraktive Einstiegsmöglichkeiten ergeben. Grundsätzlich gewinnen Kryptowerte als Asset, wie bereits eingangs skizziert, deutlich an Akzeptanz ", so Daniel Bathe.

Waren diese Gewinnrealisierungen auch einer der Auslöser für den Kursrutsch?

Daniel Bathe: Der jüngste Abverkauf bei Bitcoin und anderen Kryptowährungen scheint eher durch kurzfristige spekulative Retail-Investoren getrieben worden zu sein. Im Vorfeld des Abverkaufs konnte man die stärksten Krypto-Zuflüsse seit März 2020 in Richtung von Retail-Börsen wie Binance beobachten. Langfristige Investoren scheinen ihre Bestände hingegen weiter ausgebaut zu haben. Denn die Börsenbestände bei Coinbase – der primären Handelsplattform für Kryptowährungen für institutionelle Anleger – gingen weiter zurück.

Wie schätzen Sie die derzeitige Situation ein?

Daniel Bathe: Kurzfristig erscheint der Kursrutsch übertrieben zu sein. Dementsprechend können sich mittel- und langfristig jetzt wieder attraktive Einstiegsmöglichkeiten ergeben. Grundsätzlich gewinnen Kryptowerte als Asset, wie bereits eingangs skizziert, deutlich an Akzeptanz. In diesem Jahr haben Großbanken wie JP Morgan und Goldman Sachs begonnen, ihren Kunden den Handel mit Kryptowerten zu ermöglichen. BlackRock hat Bitcoin als legitime Alternative zu Gold bezeichnet und erste Großunternehmen wie Tesla hatten nicht nur damit angefangen, Bitcoin als Zahlungsmedium zu akzeptieren, sondern es auch als Reserve-Asset auf der eigenen Bilanz zu halten.

Welche Faktoren werden die Entwicklung in den nächsten Quartalen beeinflussen?

André Dragosch: Die generellen Makrotreiber bei Bitcoin sind die globalen Wachstumserwartungen und der allgemeine Risikoappetit an den Märkten. Eine abnehmende Wirtschaftsdynamik und ein abnehmender Risikoappetit in den kommenden Quartalen kann dementsprechend auch den Bitcoin tendenziell weiter belasten. Auf der anderen Seite rechtfertigt die Angebots-Knappheit von Bitcoin fundamental nach wie vor sehr hohe Preise. Wenn wir die Daten aus der Blockchain auf Basis sogenannter On-Chain-Metriken ansehen, erkennen wir zudem, dass langfristige Investoren und Miner in der Zwischenzeit ihre Positionen hingegen weiter ausgebaut haben, also die jüngste Kursschwäche für Käufe genutzt haben.

Was ist aus Ihrer Sicht entscheidend für eine nachhaltige Trendumkehr?

Daniel Bathe: Der Risikoappetit der Marktteilnehmer, globale Wachstumserwartungen sowie die Frage, ob institutionelle Fonds wieder Zuflüsse verzeichnen, sind die entscheidende Faktoren. Im Mai beobachteten wir erstmals seit drei Monaten wieder Zuflüsse in den von uns beobachteten Fonds. Das ist ein erstes positives Zeichen angesichts der allgemeinen Schwäche am Markt. Hinzu kommt: In den kommenden Monaten warten acht große Bitcoin-ETFs auf ihre Zulassung in den USA, was weitere Fonds-Zuflüsse bedingen könnte. Zudem besteht die Möglichkeit , dass Großunternehmen in den kommenden Monaten ihre Käufe von Bitcoin publik machen könnten, die sie in den letzten Wochen bereits getätigt haben. Die zunehmende Inflationsdynamik in den USA könnte ein weiteres Investment-Narrativ insbesondere für Bitcoin werden.

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