Ölpreis: Gradmesser der Corona Pandemie

Ölpreis: Gradmesser der Corona-Pandemie

Am Ölmarkt zeichnet sich ein langer Weg aus der Krise ab. Wann eine nachhaltige Erholung einsetzt.

Max Holzer

 

Ein Beitrag von

Max Holzer, Leiter Relative Return und Mitglied des Union Investment Committee (UIC), Union Investment

28. September 2020 - Öl gilt immer noch als Schmierstoff der Wirtschaft. Doch in diesem Jahr läuft nichts wie geschmiert. Als Energieträger und Grundstoff für die Industrie zeigt der Ölpreis den Grad der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung an. Und die Wirtschaftsaktivität ist mit der Corona Pandemie deutlich gesunken. Wer sein Auto tankt oder Heizöl kauft, kann sich zwar über niedrigere Preise freuen. Anleger bleiben aber eher vorsichtig. Denn solange kein Impfstoff auf den Markt kommt und die gesamtwirtschaftliche Nachfrage nicht deutlich anzieht, erholt sich der Ölpreis nicht nachhaltig.

Derzeit hängt der Ölmarkt stark von der Entwicklung der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Eindämmungsmaßnahmen ab. Die jüngsten Zeichen stimmen dabei eher vorsichtig als zuversichtlich. Denn die Erholung der Nachfrage und damit auch des Ölpreises vom Einbruch im Corona-Schock ist seit einigen Wochen ins Stocken geraten. Seit Anfang September sind die Preise für das Schwarze Gold nach längerer Seitwärtsbewegung sogar wieder unter die Marke von 40 US-Dollar je Fass Brent gerutscht. Bis der Preis wieder über die Marke von 50 US-Dollar je Fass (Barrel) steigen wird, dürfte es bis weit ins nächste Jahr dauern. Das bedeutet, dass auch an den Zapfsäulen der Benzinpreis in den kommenden Monaten moderat bleibt.

Wie kommt es dazu? Zwar hat sich die Nachfrage bis August nach dem beispiellosen Einbruch im Februar und März kräftig erholt. Doch das Ölkartell OPEC und zusätzliche Produzenten wie Russland fördern nach ihrer anfänglichen Kürzung mit 9,7 Millionen Fass pro Tag inzwischen wieder etwas mehr Öl. Noch wichtiger aber ist die Nachfrageseite. Nach wie vor klafft eine erhebliche Nachfragelücke gegenüber der Zeit vor der Corona-Pandemie.

Weniger Flugzeuge am Himmel

Ein Blick an den Himmel zeigt beispielsweise: Noch immer ist der Luftraum vergleichsweise leer. Tatsächlich belegen Daten der europäischen Flugsicherung Eurocontrol, dass im September die Zahl der Flüge um gut die Hälfte unter dem Vorjahreswert lag. Seit Mitte August ist die Erholung des Luftverkehrs nach dem pandemiebedingten Einbruch gestoppt und die Zahl der Flüge geht wieder leicht zurück. Grund sind steigende Neuinfektionszahlen und damit neue, zum Teil auch rasch wechselnde Reisebeschränkungen. Das Leid der Luftverkehrsbranche schlägt sich auch im Ölpreis nieder. Immerhin macht sie global rund acht Prozent der Ölnachfrage aus. Aber auch in anderen Bereichen liegt die Nachfrage nach Ölprodukten wie Benzin deutlich unter dem alten Niveau, weil immer noch viele Menschen im Home Office arbeiten oder Freizeitaktivitäten oder Urlaubsreisen aufschieben.

Dass die Notierungen am internationalen Rohölmarkt wieder schwächeln, zeigt auch, wie fragil die wirtschaftliche Erholung ist. Eine nachhaltige Erholung der Wirtschaft ist erst nach der Markteinführung eines Coronaimpfstoffs zu erwarten. Die Wirtschaftsleistung dürfte in Deutschland trotz der positiven Dynamik der vergangenen Monate sogar erst im Jahr 2022 wieder das Niveau vor der Corona-Pandemie erreichen.

Terminkurve spiegelt Überangebot

Die Terminkurve am Ölmarkt belegt, wie groß das Überangebot derzeit ist. Für kurze Laufzeiten liegen die Preise deutlich niedriger als für lange. Das bedeutet: Für Öl, das in den nächsten Tagen oder Wochen geliefert werden soll, ist der Markt weniger zu zahlen bereit, als für Öl, das erst in einigen Monaten oder Jahren geliefert wird. In der Fachsprache wird dieses Phänomen „Contango“ genannt. Es lohnt sich dann, Öl zu lagern und zu einem späteren Zeitpunkt zu verkaufen.

Mit dem gestiegenen Anreiz, Ölvorräte zu horten, verschärft sich die Frage der Lagerhaltung. Aufgrund des abrupten Nachfrageeinbruchs während der Coronakrise und erst zögerlich umgesetzter Produktionskürzungen sind die Öllagerbestände im April und Mai extrem in die Höhe geschossenen. Seither haben sie sich zwar wieder abgebaut, sind aber immer noch vergleichsweise groß. Der gesamte Lagerbestand in den USA, also Rohöl und Produkte ohne strategische Reserven liegt etwa sieben bis acht Prozent über dem Fünfjahres-Durchschnitt.

US-Produzenten geschwächt

Warum ist aber ein weiterer Preisrutsch eher unwahrscheinlich? Das liegt an der geringeren Aktivität der US-Schieferölproduzenten. Sie haben in den vergangenen Jahren die Förderung extrem ausgeweitet, sind aber durch den Preiseinbruch in Bedrängnis geraten. Ihre Finanzierung ist seit der Coronakrise sehr viel schwieriger geworden, weshalb nicht zu erwarten ist, dass sie bei steigenden Notierungen schnell in den Markt zurückkehren. Ablesbar ist dies auch an der Zahl aktiver Bohrtürme („Rig Count“). Hier sind aktuell noch rund 250 Bohrtürme aktiv, zu Jahresbeginn waren es noch etwa 800. Sofern sich die Nachfrage also stabilisiert, dürfte es von dieser Seite kaum eine Angebotsausweitung geben. Damit fällt die US-Fracking-Industrie als „Zünglein an der Waage“ oder „Swing“-Produzent zumindest bis auf Weiteres aus. Zumal das Ölkartell OPEC viel daran setzen wird, die brachliegende Produktion bei steigender Nachfrage wieder auszuweiten und damit Marktanteile zurückzugewinnen.

Die Voraussetzung dafür ist jedoch, dass die Pandemie durch einen Impfstoff dauerhaft beherrscht werden kann. Jede neue Einschränkung von Wirtschaftsaktivitäten dämpft die Ölnachfrage, denn immer noch sind Verkehr und Industrie stark vom Schwarzen Gold abhängig. Union Investment erwartet derzeit, dass der Ölpreis erst in einigen Monaten wieder anziehen wird. Im Herbst 2021 dürfte ein Preis von 50 US-Dollar je Fass der Nordseesorte Brent möglich sein, bis zum Jahresende könnte er weiter anziehen.

Der Ölmarkt ist der Gradmesser der Corona-Pandemie. Ein weiterer Preisrutsch ist nur dann zu erwarten, wenn die Neuinfektionen wieder stark steigen und neue Lockdowns das Wachstum begrenzen.

Max Holzer

Denn der Ölmarkt ist der Gradmesser der Corona-Pandemie. Ein weiterer Preisrutsch ist nur dann zu erwarten, wenn die Neuinfektionen wieder stark steigen und neue Lockdowns das Wachstum begrenzen. Dem dürften aber die Produzentenländer begegnen – entweder durch weitere Produktionskürzungen oder durch den Marktaustritt von nicht mehr finanzierbaren Unternehmen in der US-Fracking-Branche. Preisbestimmende Faktoren sind folglich die Disziplin auf der Förderseite sowie das Tempo des Lagerabbaus. Eine nachhaltige Preiserholung zeichnet sich erst für die zweite Jahreshälfte 2021 ab.

Das Einmaleins der Terminkurve 

Im Ölmarkt und Rohstoffmarkt insgesamt wird zwischen zwei Formen der Terminkurve unterschieden. Im Contango sind die Preise für eine kurzfristige Lieferung (Kassapreis) niedriger als die Preise für Lieferungen mit einem Datum, das weiter weg in der Zukunft liegt (Terminpreis). Dies liegt in der Regel daran, dass ein Überangebot den Preis drückt oder Lager- und Frachtgebühren, die in der Zukunft eine Rolle spielen, stark gestiegen sind. Für Anleger, die mit Terminkontrakten auf die Preisentwicklung spekulieren, bedeutet dies höhere Kosten. Bei Auslaufen des aktuellen Terminkontrakts erhält der Anleger weniger Geld zurück, als er für den nächsten, teureren Terminkontrakt investieren muss – ein so genannter „Rollverlust“. Extrem ausgeprägt war das Contango in der Coronakrise wegen eines Preiskampfs, den das wichtige Ölförderland Saudi-Arabien ausgelöst hatte. Am 20. April 2020 sackte der Preis für Rohöl mit Liefertermin Mai in den negativen Bereich (-37,63 US-Dollar je Fass der US-Sorte WTI), während für den Juni-Termin 20,43 US-Dollar bezahlt werden mussten („Super-Contango“).  

Das Gegenteil von Contango ist die sogenannte Backwardation. Dann ist der Preis am kurzen Ende höher als am langen Ende. Für Investoren ist dies angenehmer. Jedes Mal, wenn ein Terminkontrakt fällig wird und verkauft werden muss, lassen sich mit dem Verkaufserlös mehr neue Terminkontrakte kaufen, da diese günstiger sind. So lässt sich ein „Rollgewinn“ einstreichen.

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