Konsumenten treiben Firmen zu mehr Nachhaltigkeit

Pflanzenbasierte Alternativen zu Fleisch und anderen tierischen Produkten sind so populär wie nie zuvor. Und auch sonst achten immer mehr Menschen auf die Auswahl ihrer Lebensmittel, wie der Boom der Bio-Produkte beweist. Das Thema „Gesunde Ernährung“ spielt daher eng mit dem Megatrend „Nachhaltigkeit“ zusammen.
Thomas Jökel, Aktienfondsmanager mit Schwerpunkt Konsumgüterbranche, berichtet, wie sich die Megatrends gegenseitig beflügeln und warum dies für Asset Manager relevant ist.
Lebensmittel und Nachhaltigkeit
Herr Jökel, eine Vielzahl von Menschen ernährt sich heute ökologisch, achtet auf bestimmte Bio-Siegel und verzichtet zunehmend auf Fleisch. Diesen Trend haben auch die Unternehmen, darunter Lebensmittelkonzerne, erkannt. Warum beschäftigt sich das Portfoliomanagement bei Union Investment mit diesem Trend?

Das veränderte Konsumverhalten in Sachen Ernährung spielt für uns auf den ersten Blick eine untergeordnete Rolle. Denn es gibt kaum Unternehmen an der Börse, die sich ausschließlich darauf fokussieren. Nur wenige Firmen konzentrieren einen Teil ihres Geschäftes auf gesunde und pflanzliche Ernährung. Indirekt betrifft uns das Thema aber schon: Große Unternehmen verlieren aufgrund der steigenden Nachfrage teilweise Marktanteile an andere, nicht börsennotierte Firmen, die sich auf alternative Ernährungsangebote spezialisieren. Firmen, die nicht darauf reagieren, riskieren ihre Stellung im Markt und erwirtschaften weniger Erträge, was sich wiederum auf den Aktienkurs auswirkt. Aus diesem Grund beobachten wir im Portfoliomanagement, inwiefern sich ein Unternehmen auf durch Konsumenten nachgefragte Trends, wie ökologische, vegetarische oder vegane Produkte, einstellt. Denn letzten Endes wird durch diese Flexibilität Umsatz- und schlussendlich Gewinnwachstum generiert. Ich bin davon überzeugt, dass sich die Lebensmittelindustrie langfristig auf den Megatrend Gesundheit ausrichten wird.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Die Supermarktkette Alnatura ist zwar nicht an der Börse notiert, ringt aber mit ihrem Produktangebot etablierten und börsennotierten Unternehmen Marktanteile ab. Inzwischen hat sich Alnatura als echte Marke etabliert, die ihre Produkte nicht nur in eigenen Geschäften, sondern auch bei anderen Einzelhandelsketten vertreibt. Das ist ein absolutes Novum im Einzelhandel. Der Verkauf von Bio-Produkten geschieht hier also zu Lasten der etablierten Lebensmittelunternehmen. Inzwischen haben deshalb auch diese die Veränderungen als wegweisend erkannt und stellen sich schrittweise auf sie ein. Dazu machen sie entweder ihre Produkte gesünder oder expandieren in neue Segmente, beispielweise mit Nahrung basierend auf pflanzlichem Protein. Der Wunsch nach einem gesünderen Leben wird durch die Konsumenten somit für Veränderungen im Einzelhandel sorgen.

Was ist Treiber des Gesundheitstrends in der Ernährung?

Es gibt viele Volkskrankheiten, die unter anderem auf die Ernährung zurückzuführen sind. Ein Beispiel ist Rheuma. Ist ein Lebensmittel nicht ihrer Gesundheit förderlich oder sogar gesundheitsschädlich, dann sind Konsumenten zunehmend bereit, darauf zu verzichten und auf gesündere Produkte auszuweichen. Das gesunde Sattwerden für ein gesundes Leben tritt immer mehr in den Vordergrund.

Etablierte Fleischwarenhersteller erzielen einen Großteil ihres Umsatzes durch vegetarische Produkte. Der Geschäftsführer der Rügenwalder Mühle forderte beispielsweise dazu auf, weniger Fleisch zu konsumieren. Wie schätzen Sie das ein?

Laut Medienberichten macht Rügenwalder nach eigenen Angaben fast 40 Prozent seines Umsatzes bereits mit fleischlosen Produkten. Auch sei die Fleischverarbeitung in den vergangenen vier Jahren um durchschnittlich drei Prozent zurückgegangen. Die Firma hat nun die Möglichkeit, wie bisher weiterzumachen, oder eine Strategie für den Gesundheitstrend zu entwickeln und das Segment mit alternativen Produkten zu bedienen. Dazu kommt, dass die Fleischindustrie durch Wettbewerb und kleine Margen geprägt ist. Daher steht hier möglicherweise ein Eigeninteresse dahinter, sich frühzeitig glaubhaft auf pflanzliche und nachhaltige Produkte zu fokussieren. Denn die Gewinnmargen pflanzlicher Produkte dürften höher sein als die für Fleisch.

Lebensmittel und Nachhaltigkeit
Nun haben ja auch etablierte Konzerne wie Nestlé und Kraft Heinz den Trend zu pflanzlichen Alternativen erkannt und wollen diesen für sich nutzen. Stellen die Konzerne sich jetzt auch nachhaltiger auf?

Das ist ein langer Prozess und wir stehen hier erst am Anfang. Nestlé beginnt gerade erst mit der Umstellung des Produktangebots und bietet nun auch pflanzliche Alternativen zu Fleisch an. Mit eher marginalen Veränderungen reagiert Kraft Heinz auf die Nachfrage nach gesünderen Lebensmitteln, beispielsweise durch die Erweiterung des Sortiments um einen Bio-Ketchup. Danone ist durch Akquisitionen in den USA in das Segment der pflanzlichen Ernährung expandiert.

Entscheidend für den Wandel ist und bleibt aber der Konsument. Zwar besteht durchaus Druck durch Vereinigungen wie beispielsweise Greenpeace oder UNICEF. Kauft der Kunde aber keine Produkte mehr mit beispielsweise nicht zertifiziertem Palmöl, hat dies mehr Erfolg als jede öffentliche Diskussion. Dass dies funktioniert, sieht man daran, dass immer mehr Unternehmen Maßnahmen für eine nachhaltige Lieferkette ergreifen und diese auch kontrollieren.

Inwiefern haben die eben angedeutete Neuausrichtung der etablierten Lebensmittelhändler und die neuen Anforderungen durch Konsumenten dann auch Effekte auf die Agrarwirtschaft?

Die Veränderung bedeutet für die Agrarwirtschaft eine sehr große Herausforderung. Ein Beispiel ist Bio-Vanille, die weltweit bislang nur sehr begrenzt angebaut wird. Die Agrarwirtschaft in den Anbauländern muss sich erst neu ausrichten und auf die steigende Nachfrage nach ökologischen Produkten einstellen. Bis diese dann die benötigten Mengen liefern kann, vergeht eine längere Zeit. Lange vor der Ernte muss das Land neu bestellt werden – und zwar ökologisch. Die Wirtschaft ökologisch umzustellen geht also mit einem gewissen Zeitaufwand einher. Es wird Jahrzehnte dauern, die Agrarwirtschaft zu transformieren.

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