Italien vor der Wahl: Randale in Rom

Italien vor der Wahl: Randale in Rom

Christian Kopf

 

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Christian Kopf, Leiter Portfoliomanagement Renten

 

Ganz Europa schaut gebannt nach Italien, wo am 4. März ein neues Parlament gewählt wird. Der Urnengang fällt in eine kritische Zeit, denn ab Herbst 2018 wird die Europäische Zentralbank (EZB) ihr Anleiheankaufprogramm auslaufen lassen. Dann, so die Sorge vieler Investoren, könnte die Frage nach der Schuldentragfähigkeit neu gestellt werden. Die Tatsache, dass derzeit gleich zwei große Parteien mit euroskeptischen Positionen im Wahlkampf Stimmung machen, sorgt für zusätzliche Unruhe. Ist die Furcht vor einem Wiederaufflammen der Eurokrise berechtigt? Wir glauben: nein.

Stärkster Aufschwung seit 2011

Ein wichtiges Argument ist der wirtschaftliche Aufschwung. Zwar kämpft das Land mit erheblichen strukturellen Problemen: Es hapert sowohl bei der Innovationskraft als auch bei der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Das Produktivitätswachstum ist schwach. Diese langfristigen Faktoren kommen aber kurzfristig nicht zum Tragen. Denn: Zyklisch ist alles in Ordnung im Stiefelstaat. Italien wächst kräftig. Wir gehen davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im vergangenen Jahr um 1,5 Prozent zugelegt hat, der stärkste Anstieg seit 2011. Für 2018 rechnen wir mit 1,4 Prozent BIP-Wachstum. Dieser Wert liegt immer noch über dem italienischen Potenzialwachstum. Die Arbeitslosigkeit dürfte daher weiter sinken, die Staatseinnahmen steigen.

Ohnehin ist der römische Fiskus in einer ungewohnt komfortablen Situation. Das Land hat zwar einen Schuldenberg in Höhe von über 2.265 Milliarden Euro aufgetürmt. Das sind 133 Prozent der Wirtschaftsleistung. In der Eurozone steht nur Griechenland tiefer in der Kreide. Allerdings hat das italienische Schatzamt die Gunst der Stunde genutzt und im Niedrigzinsumfeld der vergangenen Jahre die Laufzeiten der Staatsschulden deutlich verlängert. Mit anderen Worten: Italien hat die geringen Zinskosten auf Jahre hinaus eingeloggt. Auf seine ausstehende Staatsschuld zahlt Rom gesamthaft nur noch etwa drei Prozent Zinsen und damit einen Prozentpunkt weniger als noch vor fünf Jahren. Der Fiskus spart damit Milliarden.

Die italienische Schuldentragfähigkeit ist gesichert.

Christian Kopf

Leiter Portfoliomanagement Renten

Christian Kopf

Außerdem liegt im Zuge der Anleihekäufe des EZB-Systems mittlerweile annähernd ein Drittel aller ausstehenden italienischen Staatspapiere bei der Banca d’Italia. Zinszahlungen des Schatzamts an die Anleihegläubiger landen also zu einem nicht unerheblichen Teil über den Umweg der Notenbank wieder im Staatssäckel. Denn: Überschüsse der Zentralbank werden an das Finanzministerium ausgeschüttet, das ist in Deutschland nicht anders. In Summe erwirtschaftet Italien einen Primärüberschuss von 1,5 Prozent des BIP, damit ist die Schuldentragfähigkeit gesichert.

Politische Unsicherheit über den Wahltag hinaus

Weniger entspannt ist hingegen die politische Lage. Derzeit beharken sich mit der eurokritischen 5-Sterne-Bewegung, dem Mitte-Links-Bündnis um den Sozialdemokraten Renzi sowie der Mitte-Rechts-Gruppierung um Ex-Premier Berlusconi drei annähernd gleich starke Lager. Kein Bündnis verfügt über eine Mehrheit in den Umfragen. Die Unsicherheit wird noch vergrößert durch das neue Wahlrecht, das den Demoskopen das Leben zusätzlich erschwert.

Hinzu kommt die starke inhaltliche Zersplitterung innerhalb und zwischen den Lagern. Neben einer Großen Koalition der Mitte aus der Regierungspartei Partito Democratico (PD) und Forza Italia scheint derzeit ein Sieg der Mitte-Rechts-Fraktion am wahrscheinlichsten. In beiden Fällen müssten sich sehr ungleiche Partner am Verhandlungstisch einfinden – Ausgang ungewiss. Gut möglich, dass auch in Rom bald „Berliner Verhältnisse“ herrschen und die Investoren monatelang auf eine neue Regierung warten müssen. Immerhin: Ein Durchmarsch der Euroskeptiker ist sehr unwahrscheinlich, den Märkten bleibt das Horrorszenario wohl erspart.

Wirtschaftliches Umfeld schlägt politische Risiken

Nimmt man die drei Faktoren Wachstum, fiskalische Situation und politisches Umfeld zusammen, so ist die Lage Italiens keineswegs so schlecht, wie sie nördlich der Alpen häufig gemacht wird. Kurzfristig hat die Parlamentswahl das Potenzial, die Nervosität  an den Märkten zu schüren. Das dürfte vor allem an italienischen Aktien und Anleihen, aber auch am Euro nicht spurlos vorbeigehen. Allerdings sollten die Sorgen schnell wieder verfliegen, sobald aus den derzeitigen Randalen in Rom eine stabile Regierung wird.

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