Handelskrieg auf dünnem Eis

Handelskrieg auf dünnem Eis

Wie Strafzölle auf die Börsen wirken
Benjardin Gärtner

 

Ein Beitrag von

Benjardin Gärtner, Leiter Portfoliomanagement Aktien

Die von US-Präsident Trump eingeführten Zölle auf Stahl und Aluminium haben in den vergangenen Tagen ebenso Schlagzeilen gemacht wie die Demission des Außenministers Rex Tillerson. Die nackten Zahlen klingen in der Tat erschreckend. 25 Prozent auf Stahlimporte und zehn Prozent auf Aluminium, sobald der Werkstoff die Grenze der Vereinigten Staaten passiert hat, die haben es in sich. Oder etwa nicht?

Man sollte diese Handelshemmnisse nicht klein reden. Immerhin importieren die USA im Jahr Stahl im Gegenwert von rund 30 Milliarden US-Dollar. Daher gibt es durchaus Staaten, die von den Zöllen empfindlich getroffen werden. Auch einzelne Unternehmen werden die Folgen in ihren Umsatzzahlen sehen. Nüchtern betrachtet aber kann man sagen: Sollte es bei den derzeit diskutierten Maßnahmen bleiben, dann handelt es sich in erster Linie um einen innenpolitisch motivierten Sturm im Wasserglas.

Ein Blick auf die Zahlen zeigt erstens: Die USA könnten durch die Zölle sieben Milliarden US-Dollar zusätzlich einnehmen, das entspricht 0,04 Prozent des US-Bruttoinlandsprodukts. Die Zahl dürfte tatsächlich noch deutlich geringer ausfallen, weil Ausnahmeregelungen für Kanada und Mexiko im Gespräch sind. Zur Einordnung: Bei der von den US-Republikanern vorgeschlagenen Border Adjustment Tax ging es noch um 600 Milliarden Dollar. Im Handelsministerium werden mittlerweile kleinere Brötchen gebacken.

Unter Bush gescheitert

Und es ist zweitens auch nicht abzusehen, dass die US-Stahlhersteller vor einer neuen Blütezeit stehen. Handelsbeschränkungen wie die aktuelle sind oft von kurzer Dauer, kein Großunternehmen wird daraufhin die Investitionspläne hochfahren. Viele haben noch die Zölle auf Stahl und Aluminium im Kopf, die George W. Bush 2002 erhoben hatte – mit mäßigem Erfolg. Während in der US-Stahlindustrie kaum Arbeitsplätze geschaffen wurden, gingen andere Branchen wegen der Preissteigerungen in die Knie. Unter dem Strich kostete die Aktion in den USA 200.000 Arbeitsplätze, 18 Monate nach Einführung wurden die Zölle wieder abgeschafft.

George W. Bush
Schon George W. Bush scheiterte 2002 beim Versuch, die US-Wirtschaft mithilfe von Strafzöllen zu stärken. Unter dem Strich kostete die Aktion in den USA 200.000 Arbeitsplätze.

Drittens besteht keine Gefahr, dass Trump mit der Maßnahme andere Länder in den wirtschaftlichen Kollaps treibt. Gemessen an den gesamten Ausfuhren machen die Stahlexporte der Eurozone in die USA knapp 0,2 Prozent aus. Und selbst in Kanada, dem größten Stahlexporteur in Richtung USA, machen die Ausfuhren weniger als ein halbes Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Länder wie Brasilien oder Südkorea würden die Zölle zwar empfindlicher treffen, doch einen wirtschaftlichen Kollaps könnten sie auch hier nicht auslösen.

Spirale der Handelshemmnisse

Die historische Erfahrung lehrt: Handelskriege kennen keine Gewinner, sondern nur Verlierer. Wenn sich die großen Wirtschaftsräume protektionistisch voneinander abschotten, dann wird es schnell hässlich. Dass China und die Europäische Union (EU) bereits Vergeltungsmaßnahmen vorbereiten, dient zwar vielen als Genugtuung, sollte aber trotzdem beunruhigen. Die Europäer haben Whisky, Motorräder und Erdnussbutter im Fokus. Nicht unbedingt die klassischen Exportschlager der Vereinigten Staaten, aber Produkte mit hoher Bedeutung für die ländliche US-Bevölkerung im Allgemeinen und die Republikaner unter ihnen im Besonderen.

Handelskriege kennen keine Gewinner, sondern nur Verlierer.

Benjardin Gärtner

Leiter Portfoliomanagement Aktien

Als Aktieninvestor sollte man die Entwicklung mit Argwohn betrachten. Denn gerade die großen Unternehmen profitieren vom Freihandel. Das gilt für deutsche Automobile genauso wie für Informationstechnologie aus den Vereinigten Staaten. Und es ist keinesfalls so, dass sich die Handelspartner sich nicht zu wehren wüssten. Denn bei aller Unwucht in der Leistungsbilanz: Die USA produzieren Exportgüter von Weltrang, die über den volkswirtschaftlichen Wert von Erdnussbutter hinausgehen.

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Quelle: Union Investment, Stand: März 2018
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Im Krisenfall auf defensive Werte setzen

Umso dramatischer kann sich eine Zuspitzung auswirken. Ein ausgewachsener Handelskrieg birgt die Gefahr, auch eine Wirtschaftsmacht wie die USA in die Rezession zu stürzen. Denn die Zölle machen die Waren teurer, die Zinsen steigen und die wirtschaftliche Dynamik ebbt ab. Vor diesem Hintergrund sind im Falle einer Eskalation zyklische Aktien mit Vorsicht zu genießen – insbesondere dann, wenn die dahinterstehenden Unternehmen global aufgestellt sind und ihre Güter in den internationalen Märkten mit Strafzöllen belegt werden.

Defensiv und lokal ist dann das Gebot der Stunde: Eigenschaften, die beispielsweise auf Telekommunikationswerte zutreffen können oder auf Versorger, die allerdings in Zeiten steigender Zinsen ihre eigenen Probleme mit sich bringen. Bei allen Konsumgütern gilt es, die großen Player auf den jeweils heimischen Märkten im Blick zu behalten. Und wer partout auf Stahlhersteller setzen will, sollte sich Adressen raussuchen, die Werke in den USA unterhalten – die US-Stahlindustrie dürfte nämlich zumindest kurzfristig zu den einzigen echten Gewinnern der Situation gehören.

Im Falle einer Eskalation sind zyklische Aktien mit Vorsicht zu genießen. Defensiv und lokal ist dann das Gebot der Stunde.

Benjardin Gärtner

Leiter Portfoliomanagement Aktien

Benjardin Gärtner

Anleger tun gut daran, die einzelnen Branchen sehr genau zu analysieren, um ein Bild von den tatsächlichen Schäden einer Handelsbarriere zu bekommen. Das läuft nicht immer so glimpflich ab wie im Falle des Stahls. Etwa ein Viertel der deutschen Exporte in die USA entfallen beispielsweise auf die Automobilindustrie. So verwundert es kaum, dass Trump die deutsche Paradebranche bereits ins Visier genommen hat.

Auch hier fördert ein genauerer Blick allerdings erstaunliche Details zutage: Denn die deutschen Hersteller produzieren auch in erheblicher Menge in den USA. So verschiffen Daimler, BMW & Co. nicht nur 555.000 Pkws aus Deutschland nach Amerika, sondern produzieren auch weitere 854.000 Einheiten direkt in den USA. Mehr als die Hälfte dieser Fahrzeuge wird wiederum aus den Vereinigten Staaten ins Ausland exportiert – und verringert damit das US-Handelsdefizit. Je teurer die Stahlversorgung und je komplizierter die Zulieferung von Einzelteilen aus internationalen Fabriken, umso weniger sinnvoll dürfte langfristig die Produktion in den US-Werken aus deutscher Sicht sein.

Hafen
Die Amerikaner lieben deutsche Autos. Um die große Nachfrage zu bedienen, produzieren deutsche Hersteller erhebliche Stückzahlen in den USA. Das wird zunehmend unattraktiv, wenn Importzölle die Produktionskosten steigen lassen.

Echte Gewissheiten sind rar

Hauchdünnes Eis also, auf dem der Handelskrieg ausgefochten wird. Die Chance ist groß, dass alle Beteiligten einbrechen, und echte Gewissheiten sind rar. Klar ist nur: Die USA sitzen mit mehr als 300 Millionen konsumstarken Einwohnern an einem langen Hebel. Auf deren Kaufkraft möchte kein Unternehmen mit globalem Anspruch verzichten. Doch umgekehrt sollte man in diesem Zusammenhang auch die Verhandlungsmacht der EU keinesfalls unterschätzen – dort leben über 500 Millionen Konsumenten.

Freihandel in Zahlen

  • 164: Mitgliedsländer in der Welthandelsorganisation (WTO)
  • 15,7 Billionen US-Dollar: Höhe der jährlichen Warenausfuhr aller WTO-Länder
  • 41 Prozent: Anteil der Industrieländer an der globalen Warenausfuhr
  • 478 Millionen: Einwohnerzahl der NAFTA-Staaten
  • 108 Millionen US-Dollar: Wert des Warenaustauschs zwischen den NAFTA-Staaten pro Stunde
  • + 7,4 Prozent: Anstieg 2017 im Warenverkehr unter den EU-Mitgliedstaaten gegenüber Vorjahr

Was sagen Sie...?

David Milleker
David Milleker, Chefvolkswirt, über Ursachen, rechtliche Grundlagen und mögliche Auswirkungen des drohenden Handelskriegs zwischen den USA und Europa.

Herr Milleker, US-Präsident Donald Trump hat angeordnet, Stahl- und Aluminiumimporte mit Strafzöllen zu belegen. Darf er das eigentlich nach den geltenden Gesetzen?
Er darf. Trump stützt sich nämlich nicht auf die Regeln der Welthandelsorganisation WTO, nach denen Zölle vor allem als Anti-Dumping-Maßnahme gerechtfertigt sind. Stattdessen beruft sich die US-Administration auf Abschnitt 232 des Handelsgesetzes von 1962, der eine Handelsbeschränkung aufgrund von Wirkungen auf die nationale Sicherheit erlaubt. Im konkreten Fall, so die Argumentationslinie, ist die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten dadurch bedroht, dass die Verteidigungsindustrie auf Stahlimporte angewiesen ist und sich daraus negative Abhängigkeiten ergeben.

Wen würden die Strafzölle in erster Linie treffen?
In der öffentlichen Debatte entsteht oft der Eindruck, dass sich die Maßnahme vor allem gegen China richtet. Das stimmt aber nicht. Zwar sind die Chinesen die weltweit größten Stahlproduzenten – aber eben auch die größten Verbraucher. Der Anteil Chinas an allen US-Stahlimporten liegt dagegen bei drei Prozent, damit schafft es das Reich der Mitte noch nicht einmal in die Top Ten. Größter ausländischer Lieferant der USA ist hingegen Kanada mit 17 Prozent, gefolgt von Brasilien mit 13 Prozent und Südkorea mit 12 Prozent.

Was ist mit Deutschland?
Die deutschen Stahlausfuhren in USA liegen etwa auf dem gleichen Niveau wie die chinesischen Exporte.

Haben die Handelspartner der USA denn nun automatisch das Recht auf Vergeltungsmaßnahmen?
Das ist eine spannende Frage. Es ist nämlich unklar, wie sich die Anwendung des besagten US-Gesetzes mit dem internationalen Handelsrecht nach den Regeln der WTO und geschlossenen Handelsabkommen wie der NAFTA verträgt. So könnte es passieren, dass Kanada und Mexiko vor dem NAFTA- und Brasilien und Südkorea vor dem WTO-Schiedsgericht Klage einreichen.

Gesetzt den Fall, die Klägerstaaten bekämen auf internationaler Bühne Recht: Müssten die USA die Zölle dann zurücknehmen?
Nein. Aber ein solcher Schiedsspruch würde entsprechende Gegenmaßnahmen der Klägerstaaten erlauben. Im schlimmsten Fall droht dann ein Handelskrieg mit dem Eskalationspotenzial eines zunehmenden Hochschraubens von Handelshemmnissen. Das größte Eskalationspotenzial besteht dabei nicht zwischen den USA und China, sondern mit den NAFTA-Partnern Kanada und Mexiko sowie mit Brasilien und Südkorea.

US-Präsident Donald Trump mit unterzeichneter Proklamation
US-Präsident Donald Trump hält eine unterzeichnete Proklamation zu Einfuhrzöllen auf Stahl und Aluminium in die Höhe. Wichtige Handelspartner wie die EU diskutieren öffentlich über Gegenmaßnahmen. Es droht ein Handelskrieg, der sich auf die Börsen auswirken würde.

Welche Auswirkungen hätte das auf die Weltwirtschaft?
Eine Eskalation wäre auch für den Rest der Welt keine gute Nachricht, denn jeder Handelskrieg kostet Wohlstand und Wachstum.

Donald Trump propagiert eine Wirtschaftspolitik des „America First“. Sind die aktuellen Entwicklungen die Folge dieses Kurses?
Ich denke, die Strafzölle zeigen die Inkonsistenz des politischen Handelns der Trump-Präsidentschaft. Einerseits sind die sich in den letzten Monaten ausweitenden Außenhandelsdefizite die logische Konsequenz der abnehmenden Ersparnisbildung der US-Wirtschaft, die weiter angeheizt wird durch die Ausweitung der Defizite im Staatshaushalt durch Steuersenkungen und Ausgabenerhöhungen. Andererseits ist man nicht bereit, diese Konsequenz zu akzeptieren. Dabei ist klar: Mit Sonderzöllen allein wird man das Loch im Außenhandel nicht stopfen können. Wir stehen somit vor einer spektakulären Rückkehr des Zwillingsdefizits von Haushalt und Leistungsbilanz in den USA.

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