Warum der Halbleitersektor langfristig attraktiv ist

Warum der Halbleitersektor
langfristig attraktiv ist

Branche partizipiert an Trend zur datengetriebenen Gesellschaft
Benjardin Gärtner

 

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Benjardin Gärtner, Leiter Portfoliomanagement Aktien

Spricht man von Tech-Aktien, dann geht die Geschichte meist erwartbar weiter. In der Regel geht es um die großen Namen, um Apple, Alphabet und Konsorten, um glänzende oder weniger glänzende Aussichten, hohe, manchmal zu hohe Bewertungen und die beeindruckende Kursperformance der vergangenen Monate und Jahre. Manchmal werden auch kleinere Unternehmen genannt, gerne Geheimtipps, das nächste große Ding. Worüber selten jemand spricht, sind die Großen hinter den Großen, die Komponentenhersteller und Zulieferer, die allerdings für Investoren definitiv einen Blick wert sind.

Gerade die Komponentenhersteller und Zulieferer der Tech-Giganten sind für Investoren einen Blick wert.

Benjardin Gärtner

Leiter Portfoliomanagement Aktien

Wobei dem einen oder anderen bei der Kursentwicklung einiger Halbleiterhersteller durchaus schummrig werden könnte. Denn die Industrie ist sehr zyklisch, die Aktien reagieren außerordentlich sensibel auf gute Nachrichten – auf schlechte allerdings auch. SK Hynix aus Korea oder der US-Wert Micron beispielsweise haben im laufenden Jahr schon positive Phasen mit steilen Anstiegen von 40 oder mehr Prozent gesehen, gefolgt von kaum weniger spektakulären Abschwüngen. Das hat verschiedene Gründe. Von großer Bedeutung für die Industrie ist die Situation in China – und zwar in zweierlei Hinsicht. Zum einen liegen Teile der Produktionsstätten oft im Reich der Mitte, so dass jede neue Episode im Handelsstreit zwischen Washington und Peking massive Auswirkungen auf Produktion und Preise haben kann. Und außerdem ist China für fast alle Produkte, in denen Halbleiter verbaut sind, ein sehr großer Abnehmer. Das gilt für Mobiltelefone und Tablets ebenso wie für moderne Autos.

Umsätze der Halbleiterindustrie haben sich verdreifacht

Weltweiter Umsatz 1997 bis 2017 (in Mrd. US-Dollar)
Weltweiter Umsatz der Halbleiterindustrie 1997 bis 2017
Quelle: WSTS; Stand: Oktober 2018
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Gleichwohl muss nicht jeder einen heißen Reifen fahren, der sich für diese Unternehmen interessiert. Auch als klassischer Buy-and-Hold-Investor kann man an dem Sektor durchaus Gefallen haben. Denn wenn man von Unternehmensspezifika absieht, muss man sich als Anleger im Prinzip nur eine einzige Frage stellen: Hält der Trend zur datengetriebenen Gesellschaft, zum „Cloud Computing“, zur Künstlichen Intelligenz, zur Elektromobilität samt autonomem Fahren und zum Internet of Things an? Wer darauf mit Ja antwortet, kommt um ein Investment in Halbleiterhersteller und -ausrüster kaum herum. Denn die Industrie ist der Motor, der diese Vernetzung antreibt. Diese Chiphersteller, allen voran Intel, NVIDIA, Texas Instruments und AMD, haben den Trend erst möglich gemacht, weil sie die nötigen Rechnerkapazitäten entwickelt und zur Verfügung gestellt haben. Der Bedarf dürfte weiter rasant steigen.

Bis zu 8.000 Chips pro Fahrzeug

Chips in der Automobilindustrie
Pro Fahrzeug im Premiumsegment sind 6.000 bis 8.000 Chips verbaut.

Beispielhaft kann hier die Automobilindustrie dienen: Pro Fahrzeug im Premiumsegment sind 6.000 bis 8.000 Chips verbaut, die für Funktionen wie Einparkhilfe, Spurassistenten, Infotainment-System und Reifendruckkontrolle benötigt werden. Je weiter sich diese Ausstattung vom Luxus- ins Mittelklassefahrzeug verlagert, desto stärker wächst die Nachfrage. Derzeit macht die Automobilindustrie nur gut zehn Prozent des Halbleitermarktes aus, aber sie ist mit einem jährlichen Wachstum von acht Prozent der dynamischste Teil.

Der deutsche Chiphersteller Infineon beispielsweise macht gut 40 Prozent seines Umsatzes mit Kunden aus dem Kfz-Sektor. Damit vermag die Halbleiterbranche die leicht rückläufigen Umsätze aus den Bereichen PC und Smartphone auszugleichen. Hinzu kommen weitere mächtige Trends. Noch stecken die Themen Vernetzung im Heim und Internet of Things in den Kinderschuhen. Wenn Kühlschrank und Küche automatisch das Mobiltelefon kontaktieren, um Informationen über die heimische Vorratshaltung durchzufunken und das Auto fahrerlos den nächsten Supermarkt ansteuert, um den Bedarf zu decken, dann ist klar, dass der Absatz von Speichermedien und Prozessoren bis auf Weiteres gesichert ist.

  • Globale Datenerhebung wächst rapide

    Weltweite Daten-Generierung pro Jahr in Zettabytes
    Globale Datenerhebung waechst
    Quelle: Union Investment, EMC, IDC; Stand: November 2017
  • Vernetzte Autos benötigen immer mehr Chips

    Anzahl der Infineon-Chips pro Auto
    Vernetze Auto benoetigen immer mehr Chips
    Quelle: Unternehmensberichte, Berenberg Research, BofAML Global Research, Union Investment; Stand: 31. März 2018
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Was aber noch nichts über die Profitabilität der Unternehmen aussagt. Lange Zeit war der Preiskampf unter anderem bei Speichermedien brutal, und auch heute ist die Konkurrenz noch groß. Positiv zu vermerken ist aber, dass in den vergangenen Jahren eine Konsolidierung am Markt stattgefunden hat. Die Übernahmen von Broadcom durch Avago oder von Freescale durch NXP sind nur zwei prominente Beispiele. Auch wenn die 130 Milliarden Dollar schwere Megafusion von Broadcom und Qualcomm an regulatorischen Hürden gescheitert ist, kann man festhalten: Die Zahl der Wettbewerber ist übersichtlicher geworden und ihre Preissetzungsmacht damit etwas gestiegen. Auch die enorme technologische Komplexität hat sich stabilisierend auf die Gewinne der Halbleiterunternehmen ausgewirkt. Die Kunden und die Hersteller sind in eine Situation der gegenseitigen Abhängigkeit geraten. Nicht zuletzt deshalb haben sich die Gewinnmargen in den vergangenen Jahren erhöht.

Kunden und Hersteller sind in eine Situation der gegenseitigen Abhängigkeit geraten. Das treibt die Margen.

Benjardin Gärtner

Leiter Portfoliomanagement Aktien

Benjardin Gärtner

Überdurchschnittliche Performance

Damit ist der Branche sicherlich kein goldener Weg geebnet. Die Risiken in China, aber auch in anderen Schwellenländermärkten sind durchaus vorhanden: Ein konjunktureller Abschwung, eine heftige Aufwertung des US-Dollar oder eine Verschärfung im Handelsstreit haben das Zeug, die Aktien kräftig durcheinander zu wirbeln. Hinzu kommen unternehmensspezifische Probleme, die man etwa beim Branchenriesen Samsung an einer mangelhaften Corporate Governance festmachen kann. Daher sollte auch hier die fundamentale Analyse der einzelnen Aktie keinesfalls vernachlässigt werden. Doch auch der Blick auf den Sektor in Gänze entfaltet argumentative Kraft. In den vergangenen fünf Jahren verbesserte sich der S&P 500 Semiconductors and Semiconductors Equipment, der die wichtigsten Halbleiternamen der USA enthält, um knapp 200 Prozent. Das liegt noch über dem Durchschnitt des gesamten IT-Sektors. Der Leitindex S&P 500, der im August und September von Rekordstand zu Rekordstand eilte, kommt auf weniger als die Hälfte.

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