Deglobalisierung: Stresstest für Wirtschaft und Anleger

Deglobalisierung:
Stresstest für Wirtschaft und Anleger

In einer weniger integrierten Weltwirtschaft sollten Portfolios internationaler ausgerichtet sein

Dr. Jörg Zeuner

 

Ein Beitrag von

Dr. Jörg Zeuner, Chefvolkswirt und Leiter Research & Investment Strategy 

 

17. August 2020 - Corona stellt die Globalisierung auf den Prüfstand – und damit auch das erfolgreiche deutsche Exportmodell. In diesem Jahr könnte der globale Warenverkehr um bis zu einem Viertel kleiner ausfallen als 2019. Die Schrumpfung der deutschen Exporte schätzt der DIHK aktuell auf 15 Prozent. Eine schnelle Erholung im Laufe des kommenden Jahres ist unsicher. Deutschland wird aber nicht nur kurzfristig durch die Folgen der Pandemie herausgefordert. In der Weltwirtschaft deuten sich grundlegende Koordinatenverschiebungen an, wie Union Investment in einer Studie untersucht hat. Für Hauptprofiteure der Globalisierung wie Deutschland ist die Fallhöhe dabei besonders groß. Und etwas überraschend: Ein demokratischer Sieg bei der US-Wahl könnte den Druck sogar noch erhöhen.

Zunächst verstärkt Corona Probleme, die schon zuvor bestanden haben. So schwächt die Krise die deutschen Autobauer zusätzlich zu Dieselskandal und Umstellung auf Elektromobilität. Im Wachstumsbereich Technologie wird der Rückstand der deutschen Wirtschaft noch größer. Während die dominanten Technologieriesen in den USA zu den Gewinnern der Krise gehören, sind viele deutsche Unternehmen bei Digitalisierung und Automatisierung nicht auf der Höhe der Zeit. Dies gilt auch im Vergleich zu China, das in den vergangenen Jahren stark aufgeholt hat.

Renationalisierung der Produktion erfordert konsequentere Automatisierung

Dabei wird Automatisierung in der Post-Corona-Welt noch wichtiger. Warum? Wie viele Staaten wird Deutschland aus der Krise seine Lehren ziehen und reagieren. Dazu zählt, die Versorgungssicherheit bei lebensnotwendigen und strategischen Gütern wie etwa im Pharma- oder Medizintechnikbereich, aber auch bei Technologie zu verbessern. Denn während des globalen Lockdowns waren Importe von solchen Gütern schwierig oder gar nicht zu realisieren. Auch werden Unternehmen versuchen, ein Zusammenbrechen der Lieferketten in Zukunft zu verhindern, indem sie diese verkürzen und stärker kontrollieren. Folglich wird im Nachgang der Pandemie die Rückführung von Produktion in das eigene Land (reshoring) oder in nahegelegene Länder (nearshoring) zunehmen.

Klar ist aber auch: Umfassendes reshoring ist vor allem für strukturell wachsende Unternehmen mit entsprechenden Neuinvestitionen rentabel. Deutschland, aber auch die meisten anderen europäischen Länder stoßen dabei etwa wegen ihrer Schwäche im Technologiebereich an Grenzen. Hinzu kommt: Für Hochlohnländer ist reshoring beispielsweise aus asiatischen Schwellenländern nur attraktiv bei einem hohen Grad an Automatisierung. Tatsächlich können Roboter die Produktion in Billiglohnregionen überflüssig machen und darüber hinaus im Pandemiefall das Social Distancing vereinfachen. Entscheidend dabei ist aber die Konsequenz, moderne Technologie mit durchgehend automatisierten und digitalisierten Prozessen zu verbinden. Unternehmen wie der amerikanische Elektroautoproduzent Tesla sind häufig den insgesamt eher zögerlichen deutschen Herstellern weit voraus. Hier müssen sich deutsche Industrieunternehmen und Mittelständler grundlegend umorientieren.

Mit Blick auf Handelspartner und Absatzmärkte verschärft die Krise den Konflikt zwischen den USA und China – und erhöht damit das Risiko für jene deutschen Unternehmen, die besonders auf das Reich der Mitte setzen. Auch andere Gründe kommen zum Tragen: China hat das Virus früh unter Kontrolle gebracht und versucht wie schon nach der Finanzmarktkrise, die Schwäche der Industriestaaten aggressiv auszunutzen. Eine stärkere Kontrolle chinesischer Direktinvestitionen steht deshalb bereits auf der politischen Tagesordnung der EU und könnte die deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen verschlechtern.

Klimatechnologie als deutscher Hoffnungsträger

Was bedeuten diese Entwicklungen wirtschafts- und industriepolitisch für Deutschland? In jedem Fall wird die EU noch wichtiger. In einer Welt mit mehr Protektionismus und geringeren interkontinentalen Exportchancen hat Deutschland ein Interesse daran, dass sich der europäische Wirtschaftsraum als zentraler Absatzmarkt schnell erholt. Der beschlossene Wiederaufbaufonds war zunächst ein wichtiges politisches Signal für den Zusammenhalt Europas. In einem zweiten Schritt ist nun eine kluge Orchestrierung der Mittelverwendung zentral: Möglichst viel sollte investiv zur Förderung von Zukunftstechnologien eingesetzt werden. Digitale Infrastruktur wie das 5G-Netz und Klimatechnologie sind hier zentrale Stichworte.

Bei „grünen“ Technologien hat Deutschland eine gute Ausgangsbasis – eines der wenigen Felder mit Chancen, in einem wachsenden globalen Markt eine führende Rolle zu spielen. Denn der Kampf gegen den Klimawandel und für die grüne Transformation der Wirtschaft bleibt trotz Corona eine Jahrhundertaufgabe. Dazu gehören zum Beispiel bessere Elektromotoren, Recycling-Anlagen oder grüner Wasserstoff. Laut einer Studie des VDMA und der BCG könnte der Maschinen- und Anlagenbau in solchen Bereichen bis zum Jahr 2050 global zusätzlich zehn Billionen Euro erwirtschaften.

Bei Klimatechnologie hat Deutschland eine gute Ausgangsbasis, aber bei einem Wahlsieg von Joe Biden könnte der Vorsprung schnell weg sein.

Dr. Jörg Zeuner

Chefvolkswirt

Ein gewaltiger Kuchen – wie groß der Anteil deutscher Firmen daran sein wird, hängt auch vom Ausgang der US-Wahl ab. Dass Deutschland und Europa aktuell im Bereich grüner Technologien einen Vorsprung gegenüber den USA haben, hat mit dem Desinteresse von US-Präsident Trump am Klimaschutz zu tun. Sein demokratischer Konkurrent Joe Biden hat allerdings angekündigt, im Falle eines Wahlsiegs massiv in nachhaltige Infrastruktur und erneuerbare Energien investieren zu wollen. Die avisierte Größenordnung staatlicher Investitionen von 2,4 Billionen US-Dollar beträgt ein Vielfaches dessen, was aktuell in Europa an Mitteln für grüne Projekte geplant wird. Sprich: Wenn die USA aufs klimapolitische Gaspedal treten, ist Europas Vorsprung schnell eingeholt.

Anleger sollten Portfolios internationaler ausrichten

Welche Implikationen für Anleger ergeben sich? Grundsätzlich sollte eine reduzierte Integration der Weltwirtschaft nicht dazu verleiten, weniger international zu investieren. Im Gegenteil: Die durch die Coronakrise in Europa zementierten Niedrigzinsen und die hiesige Schwäche im Technologiebereich machen eine internationale Ausrichtung der Portfolios zwingender denn je. Die Deglobalisierung könnte auch den regionalen Gleichlauf von Investments, die Korrelation reduzieren. Das bedeutet, dass Diversifikationsvorteile steigen. Von der Deglobalisierung direkt oder indirekt profitierende deutsche Unternehmen könnten in den Bereichen Medizintechnik und Pharma, Automatisierung und Klimatechnologie zu finden sein. Vorsicht geboten ist bei Unternehmen mit hohem China-Exposure und im Transportbereich, vor allem der Schifffahrt. Mit anderen Worten: Sorgfältige Selektion ist Trumpf.

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