Die Deutschen sparen – aber zu einseitig

Die Deutschen sparen – aber zu einseitig

Die Deutschen sparen, weltmeisterlich. Aber beim genaueren Hinsehen zeigt sich: Die Herausforderungen für das Sparen bleiben hierzulande gigantisch. 

Die Bundesbank berichtet regelmäßig darüber, wie sich das Gesamtvermögen der Deutschen entwickelt. Dr. Oscar A. Stolper, Professor für Behavioral Finance an der Philipps-Universität Marburg, hat die jüngsten Daten für Union Investment ausgewertet. Dabei zeigt sich, dass die Deutschen weiterhin fleißig sparen: Das Vermögen der Bundesbürger ist in den 12 Monaten bis zum 30. Juni 2021 um satte 10 Prozent bzw. 670 Milliarden Euro gestiegen ist. Mehr als die Hälfte davon (350 Milliarden) sind allein in den ersten sechs Monaten 2021 neu hinzugekommen. 

Die gute Nachricht dabei: Viele Deutsche sparen. Die schlechte: Sie sparen immer noch sehr einseitig. So wachsen nach wie vor die Bestände in Bargeld und Sichteinlagen überproportional. Bis Mitte 2021 stieg der Bargeldbestand im Jahresvergleich um 20 Prozent (ca. 60 Milliarden Euro). Sichteinlagen legten um 13 Prozent zu, was der schier unglaublichen Zahl von 200 Milliarden Euro entspricht. 

Was positiv auffällt: Gewinner mit Blick auf den prozentualen Zuwachs in den 12 Monaten bis Ende Juni 2021 sind Aktien- und Fondsinvestments. Fonds verzeichneten Nettozuflüsse von rund 26 Prozent (175 Milliarden). Der aggregierte Bestand börsennotierter Aktien kam im Jahresvergleich gar auf einen Rekordzuwachs von 40 Prozent (150 Milliarden Euro).

Entwicklung des Gesamtfinanzvermögens

Ertragskraft von Zinsprodukten sinkt stetig

In der Gesamtschau zeichnet sich also ein Erstarken der Aktienkultur sowie ein schleichender Bedeutungsverlust der klassischen Zinsprodukte ab. Gleichzeitig lässt sich jedoch ein ungebrochen starker Trend zum „Girosparen“, also der Ablage des Geldvermögens auf dem Girokonto, beobachten. Dieser Trend scheint mit den gestiegenen Inflationsängsten der Deutschen unvereinbar. 

Denn die Ertragskraft von Zinsprodukten hat sich in den 12 Monaten bis zur Jahresmitte noch einmal deutlich verschlechtert, wie die Berechnungen von Professor Stolper belegen. Alle relevanten nominalen Zinssätze haben sich weiter zu Ungunsten der Sparerinnen und Sparer entwickelt. Der Anteil des Kapitalzuwachses von Zinsprodukten an der nominalen Gesamtzunahme des Geldvermögens ist weiter zurückgegangen: von 20 Prozent Mitte des vergangenen Jahres auf nunmehr 16 Prozent zum Stichtag Ende Juni 2021. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren trugen Zinsen noch knapp 70 Prozent zum Zuwachs des Geldvermögens bei. 

Gestiegene Inflationsrate mindert Realverzinsung von Sichteinlagen und Termin- und Spareinlagen substanziell

Neben diesem Niedrigzinseffekt kommt nun ein weiterer Faktor ins Spiel, der Sparerinnen und Sparer vor Herausforderungen stellt: die Inflation. Obwohl die Inflationsrate aufgrund der extrem niedrigen Bemessungsgrundlagen des Vorjahres erst in der zweiten Hälfte des ablaufenden Jahres massiv angestiegen ist, schmälerte die gestiegene Inflationsrate bereits im ersten Halbjahr 2021 die Realverzinsung von Sichteinlagen sowie Termin- und Spareinlagen substanziell. In den 12 Monaten bis zum 30. Juni haben deutsche Zinssparer insgesamt die Rekordsumme von fast 60 Milliarden Euro verloren. Hier gilt es, Lösungen aufzuzeigen, um Kundinnen und Kunden dabei zu unterstützen, mit ihren Vorsorgeprodukten Erträge jenseits der Inflationsrate zu erwirtschaften. 

Auf der Zinsseite ist keine schnelle Entlastung zu erwarten Auch wenn in den USA die Zinswende in Sicht ist, wird es in Europa noch deutlich länger dauern, bis wieder positive Vorzeichen zu sehen sind. Und selbst dann werden diese voraussichtlich noch lange auf niedrigem Niveau verharren.

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