Palmöl

Palmöl: „Nicht alles ist schlecht, aber vieles könnte besser sein“

Janina Bartkewitz, ESG-Analystin

Palmöl: „Nicht alles ist schlecht, aber vieles könnte besser sein“

Palmöl ist für viele Unternehmen eine wichtige Ressource und allgegenwärtig. Laut Berechnungen der Naturschutzorganisation WWF macht es ca. 40 Prozent des weltweiten Speiseölverbrauchs aus. Palmöl ist aber auch bekannt für seine schädliche Wirkung auf das Klima und mit Blick auf die schlechten Bedingungen, unter denen Palmölbauer gezwungen sind zu arbeiten. Warum viele Unternehmen die daraus resultierenden Reputationsrisiken dennoch in Kauf nehmen und wie Union Investment als Investor damit umgeht, erklärt Janina Bartkewitz aus dem ESG-Team von Union Investment im Gespräch.

Werfen wir doch zuerst mal einen Blick in unseren Vorratsschrank. In welchen Produkten steckt Palmöl eigentlich drin?

Palmöl ist in beinahe jedem zweiten Produkt enthalten, das man im Supermarkt kaufen kann, zum Beispiel in Brotaufstrichen, Keksen, Kaugummis, Eis, Müslimischungen, Margarine und etlichen Fertigprodukten. Doch nicht nur in Lebensmitteln steckt Palmöl. Es ist auch ein Hauptbestandteil in Haushalts- und Körperpflegeprodukten. Hier wird es hauptsächlich aus ästhetischen Gründen verwendet - als Bindemittel für die einzelnen Inhaltsstoffe sowie für das Kreieren von glatten, cremigen Texturen bei flüssigen Waschmitteln oder Shampoos.

Warum ist es so beliebt?

Der Vorteil von Palmöl ist, dass es bei Raumtemperatur eine feste Konsistenz hat, für eine hohe Haltbarkeit der Produkte sorgt und zudem günstig ist, was einen vielseitigen Einsatz ermöglicht.

Worin genau bestehen die Risiken für Unternehmen, die Palmöl in ihren Produkten verwenden?

Zunächst einmal sind es Reputationsrisiken aufgrund des negativen Beitrags zum Klimawandel. Zur Gewinnung von Palmöl werden Regenwälder in enormem Ausmaß abgeholzt. Torfböden werden trockengelegt und verbrannt. Daher gilt Palmöl als treibende Kraft hinter der Zerstörung von natürlichem Lebensraum und der Regenwaldabholzung. Hinzu kommen Risiken aufgrund der starken Konzentration der anbauenden Länder. Dazu muss man wissen, dass 85 Prozent des Palmöls aus nur zwei Ländern bezogen wird. Indonesien liefert ungefähr 60 Prozent des weltweit verarbeiteten Palmöls, Malaysia circa 24 Prozent. Diese Angebotsstruktur birgt Risiken, falls es zu Ausfällen oder Engpässen in der Lieferkette kommt. Palmöl wird hauptsächlich in einem schmalen Gebiet rund um den Äquator angebaut, für den der Meeresspiegelanstieg ganz besonders bedrohlich ist. Und was die Existenz der Lieferanten bedroht, bedroht am Ende auch die Unternehmen, die auf Palmöl für ihre Produkte setzen. Ein weiteres Risiko für Unternehmen sind natürlich auch die sich verändernden Interessen der Konsumenten. Viele Menschen greifen verstärkt zu grüneren und gesünderen Produkten. Dies bietet auf der anderen Seite natürlich auch die Chance für Innovationen. Kleinere Unternehmen haben bereits ein palmölfreies Angebot geschaffen. NOA und Good Soaps zum Beispiel verzichten komplett.

Schäden wurden in der Vergangenheit verursacht, aber die steigende Nachfrage sollte zukünftig bedient werden, ohne weitere ökologische Schäden zu verursachen.

Janina Bartkewitz, ESG-Analystin

Lassen Sie uns einen Blick auf die Öko-Bilanz von Palmöl und die Problematik der Arbeits- und Lebensbedingungen der Anbauer werfen.

Hier sehen wir zum einen den negativen Beitrag zum Klimawandel aus ökologischer Sicht sowie die fehlende Sichtbarkeit vieler kleiner Palmölanbauer in der Lieferkette im Hinblick auf soziale Probleme sehr kritisch. Bei beiden gibt es allerdings zwei Seiten der Medaille, die man zusammen betrachten sollte.

Dann lassen Sie uns mit dem ökologischen Problem anfangen.

Der Großteil der Emissionen des Agrarrohstoffs Palmöl entsteht bei der Abholzung von Regenwäldern sowie bei der Trockenlegung und Verbrennung von Torfböden, um Palmen anzubauen. Dies hat einen negativen Einfluss auf den Klimawandel, denn gerodetes Land setzt nicht nur Treibhausgase frei, sondern führt auch zu Bodenerosionen und zur Zerstörung von Biodiversität. Palmöl wird ja meist in tropischen Regenwäldern angebaut, die als außergewöhnlich artenreich gelten. Indonesien macht zum Beispiel nur 1,3 Prozent der globalen Landfläche aus, beheimatet aber 17 Prozent aller weltweit bekannten Vogelarten und 12 Prozent aller Säugetiere. Aber wie immer gibt es auch eine Kehrseite der Medaille, denn Palmöl verfügt über eine hohe Ertragskraft, weil im Vergleich zu anderen Ölen wesentlich weniger Land benötigt wird, um eine große Menge zu produzieren. Wenn wir Palmöl durch andere Ölsorten ersetzen wollten, benötigen wir viel mehr Anbaufläche.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Derzeit wird eine Landfläche so groß wie Indien für den weltweiten Anbau von Ölpflanzen genutzt. Würden wir den kompletten Ölbedarf nur mit Palmölpflanzen abdecken, wäre eine vierfach kleinere Landfläche nötig. Im Gegensatz dazu müssten wir die genutzte Landfläche auf die Größe Kanadas ausweiten, falls wir den gesamten Bedarf über Kokosnussöl abdecken wollten. Man sieht: Boykott und damit Substitution entspräche keiner langfristigen Lösung und könnte die Situation noch verschlimmern.

Quelle: Hannah Ritchie and Max Roser (2021) - "Forests and Deforestation". Published online at OurWorldInData.org.

Zudem ist Palmöl nicht der Hauptverursacher tropischer Abholzung.

Das ist richtig. Anders als medial vielleicht wahrgenommen, ist die Rindfleischproduktion für rund 41 Prozent der tropischen Abholzung verantwortlich, Palmöl kommt hierbei zusammen mit Soja auf rund 18 Prozent. Im Hauptanbauland Indonesien sind die Palmölpflanzen für rund 10 bis 15 Prozent der tropischen Abholzung verantwortlich.

Kommen wir jetzt zum sozialen Aspekt

Hier geht es vor allem um die fehlende Sichtbarkeit vieler kleiner Anbauer. Sie erwirtschaften etwa 40 Prozent des Palmölangebots. Allerdings können die meisten Unternehmen ihre Palmöllieferungen fast immer nur bis zur Mühle zurückverfolgen. Bis zur Plantage ist eine Rückverfolgung fast nie möglich. Daher lässt sich zum Beispiel nicht nachvollziehen, welchen Preis die Kleinbauern für ihr Palmöl erhalten. Genau hier setzen wir dann auch an, um herauszufinden welche Unternehmen eine Rückverfolgung bis zur Plantage gewährleisten. Dafür ist die RSPO-Zertifizierung sehr hilfreich, die sicherstellt, dass unter anderem das Öl bis zur konkreten Plantage rückverfolgt werden kann sowie eine Trennung entlang der gesamten Lieferkette zwischen zertifiziertem und nichtzertifiziertem Palmöl erfolgt.

Aber auch hier haben Sie eine Kehrseite parat?

Ja, nämlich die Schaffung von Arbeitsplätzen und natürlich die Generierung von Einkommen für Kleinbauern. Die Palmölindustrie in Indonesien schuf zwischen 2000 und 2015 rund 1,2 Millionen Jobs, die Armut wurde gesenkt und die Wirtschaft gestärkt.

Hintergrund RSPO

RSPO = Roundtable on Sustainable Palm Oil = Runder Tisch zum Anbau von nachhaltigem Palmöl

  • Gründung 2004 vom WWF zusammen mit den größten Palmölerzeugern und -verbrauchern
  • Ziel: Nachhaltige Anbaumethoden fördern, Umweltschädigungen und -belastungen so niedrig wie möglich halten, Grundrechte der Menschen vor Ort respektieren, kein Anbau auf schützenswerten Gebieten

Es ist also nicht alles schlecht?

Mein Fazit lautet: Nicht alles ist schlecht, aber vieles könnte besser sein. Die Frage der Zukunft wird sein, wie wir es schaffen, die globale Nachfrage nach Öl zu bedienen, ohne weitere ökologische Schäden zu verursachen. Palmöl als Agrarrohstoff ist nicht das Problem, sondern die Art und Weise des derzeitigen Anbaus. Der Steigerung von Erträgen kommt hierbei eine wichtige Rolle zu, damit sich die Notwendigkeit reduziert, neues Land zu kultivieren. Zudem sollte der Fokus verstärkt auf die Verwendung von mehr nachhaltigem Palmöl gelegt werden. Hier fehlt oftmals noch der finanzielle Anreiz.

Wie geht Union Investment mit all den genannten Risiken um?

Wir im ESG-Team haben solche Risiken immer sehr genau im Blick. Über unsere Engagementinitiativen finden regelmäßig Unternehmensdialoge zu ESG-Themen statt. Zudem ist unser Austausch mit den Portfoliomanagerinnen und -managern sehr hoch, die mit uns ihre Einschätzungen zu einzelnen Unternehmen teilen. Neben dem eigenen ESG-Research können wir auch auf externe Datenanbieter zurückgreifen, die uns Veränderungen bei ESG-Scores und Kontroverseneinstufungen zuspielen. So wird sichergestellt, dass wir frühzeitig über Veränderungen informiert werden, deren Schwere einschätzen und entsprechend reagieren können. Ein ganz zentrales Element ist für uns hierbei das sogenannte ESG-Kontroversen Gremium, das mindestens einmal im Monat oder ad-hoc stattfindet.

Was genau passiert in diesem Gremium?

In unserem monatlichen Jour-Fixe analysieren wir neue Meldungen zu Kontroversen bei Unternehmen in den Bereichen Umwelt, Corporate Governance, Menschenrechte und Arbeitsstandards. Entsprechend unseres Researchprozesses stufen wir jede Kontroverse gemäß ihrer Schwere ein, was bei besonders problematischen bzw. schwerwiegenden Vorkommnissen auch zu entsprechenden Ausschlüssen führen kann. So gehen wir auch mit Kontroversen um, die das Thema Palmöl betreffen. Wenn wir erfahren, dass ein Unternehmen Palmöl bezieht, das im Verdacht steht über Regenwaldabholzung erwirtschaftet worden zu sein, werden wir den Researchprozess wie oben beschrieben anstoßen. Dieser Vorfall wird dann ausführlich im nächsten ESG-Kontroversen Gremium besprochen und eine entsprechende Einstufung vorgenommen. Konkrete Unternehmensbeispiele hierfür sind unter anderem FGV Holdings und Wilmar International, die nicht zuletzt aufgrund ihrer Geschäftstätigkeiten im Palmölbereich für nachhaltige Fonds bei uns ausgeschlossen sind.

Zur Person

Janina Bartkewitz

Janina Bartkewitz, 26, ist seit Dezember 2020 Teil der Abteilung ESG im Portfoliomanagement von Union Investment. In ihrer Rolle als Junior Analystin ist sie für Corporate Governance Themen sowie für das ESG-Research der Basiskonsumgüterbranche zuständig.

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