Die Hauptversammlungssaison 2021

Im Porträt: Dr. Henrik Pontzen, Leiter ESG im Portfoliomanagement bei Union Investment

Dem Rheinländer Henrik Pontzen ist der Austausch mit Kunden wichtig, da sich die Vorstellung zu Nachhaltigkeit sehr unterscheiden. Er plädiert für mehr Gelassenheit bei der Diskussion und dafür, bei der EU-Regulierung die Transformationsleistungen stärker einzubinden.

Henrik Pontzens Tag beginnt für gewöhnlich morgens um sieben Uhr. Dann spielt der 41-Jährige entweder Tennis oder springt in seine Sportschuhe und läuft zehn Kilometer – oder er setzt sich in den Zug, um nach Frankfurt zu fahren. Im Zug bearbeitet er schon mal Mails und hört Radio. „Eine kleine Sucht von mir“, gibt Pontzen zu. Der Leiter ESG der Fondsgesellschaft Union Investment fährt jede Woche ins Büro nach Frankfurt, lebt aber bei Düsseldorf. „Mein Mantra: Rheinland oder Ausland“, sagt der Rheinländer. Dem ist er auch bisher immer treu geblieben. Aufgewachsen ist Pontzen in der Nähe von Aachen, studiert hat er in Bonn und Kopenhagen – wo er auch Dänisch lernte –, und in Frankfurt hat er dementsprechend nur der Arbeit wegen eine kleine Wohnung gemietet.

Ob er aber nun in der Mainmetropole oder im Home-Office nahe des Rheins sitzt: Sein Arbeitstag beginnt meist um 8.45 Uhr, von da an verbringt er fast den gesamten Tag in Meetings. „Nachhaltigkeit ist ein absolutes Schnittstellenthema“, erklärt Pontzen. „Hinter nachhaltigen Fonds stehen Daten, Systeme, Prozesse und vor allem: Menschen. Die müssen wir als ESG-Team bewegen.“ ESG ist das gebräuchliche englische Kürzel für Umwelt, Soziales und Organisationsführung.

Abends stehen dann häufig noch Veranstaltungen an. Etwa 70 bis 100 Vorträge, schätzt Pontzen, hält er pro Jahr, sowohl vor institutionellen Investoren als auch vor den Kundinnen und Kunden der 800 Volks- und Raiffeisenbanken, die Union Investment mit Fonds versorgt. „Kein Fortschritt ohne Reibung. Jeder hat eine Meinung zu Nachhaltigkeit, selten die gleiche. Der Austausch mit unseren Kunden ist deswegen so wichtig für mich“, sagt der promovierte Philosoph, den man angesichts dieser akademischen Herkunft nicht bei einem Finanzinstitut erwarten würde.

Wir dürfen die Wirtschaftswelt nicht nur in grün und braun unterscheiden und nur noch die Unternehmen unterstützen, die ohnehin schon grün sind.

Dr. Henrik Pontzen

Leiter ESG im Portfoliomanagement bei Union Investment

Für unaufgeregte Nachhaltigkeitsdiskurse

Auch mit immer noch bestehenden Vorurteilen hat er sich auseinander zu setzen. Da wäre zum Beispiel nach wie vor die Annahme, nachhaltiges Investieren sei weniger rentabel: „Meine Theorie ist, dass hier oft Investieren mit Konsumieren verwechselt wird. Wir alle machen regelmäßig die Erfahrung, dass nachhaltige Produkte bedeutend teurer sind, aber das Gleiche leisten“, sagt Pontzen. „Ein Beispiel: Spülschwämmchen gegen die Holzspülbürste. Das Spülresultat ist gleich, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Und diese Erfahrung übertragen nun viele Konsument:innen auf die Finanzwelt.“ Ein Denkfehler, betont er: Beim Konsumieren (Schwämmchen) gehe es schließlich um das Heute, beim Investieren (haltbare Bürste) um das Morgen – oder, besser gesagt, um das In-fünf- oder In-zehn-Jahren. Und was die Rendite angehe, sei nachhaltiges Investieren mittlerweile mindestens genauso lukrativ wie konventionelle Geldanlegen.

Der Finanzexperte bemängelt, dass der Nachhaltigkeitsdiskurs, sowohl in den Medien als auch in der Öffentlichkeit, grundsätzlich von zu großer Aufregung geprägt ist. „Das ist aus meiner Sicht nicht zielführend“, sagt er und möchte es anders machen: unaufgeregt und entschlossen. Pontzen meint damit: „Wir dürfen die Wirtschaftswelt nicht nur in grün und braun, gut und schlecht unterscheiden und nur noch die Unternehmen unterstützen, die ohnehin schon grün sind.“ Wenn man nach der aktuell diskutierten EU-Taxonomie klimaverträglicher Wirtschaftsaktivitäten ginge, wären davon nach Pontzens Schätzung etwa zwei Prozent der weltweiten Unternehmen erfasst. „Und nur mit diesen zwei Prozent werden wir die Energiewende nicht schaffen.“

Er würde sich darum eine EU-Taxonomie wünschen, die differenzierter statt strenger ist. „Die Idee einer Taxonomie an sich befürworte ich sehr, die Frage ist aber, wie sie ausformuliert wird“, erläutert er. „Atomkraft hat dort nichts zu suchen, keine Frage, aber es sollte mehr Aufmerksamkeit für Transformationsprozesse geben, keine simple Aufteilung in grün und nicht grün.“

4 Fragen an Henrik Pontzen:

Wie nachhaltig legen Sie Ihren persönlichen Spargroschen an?

Ich investiere ausschließlich in Union-Fonds, und zwar nachhaltig. Bis auf den Rohstofffonds, weil es den noch nicht nachhaltig gibt – aber da arbeiten wir dran.

Wer in der Finanzwelt hat Sie beeindruckt?

Paul Hagen, ehemaliger Finanz- und Risikochef von HSBC Deutschland. Das, was ein Zehnkämpfer für einen Sportler ist, ist Paul Hagen für mich als Finanzfachmann.

Ist eine nachhaltige Wirtschaft möglich, solange Wachstum oberstes Ziel ist?

Wachstum alleine schafft keine Nachhaltigkeit, aber ohne Wachstum ist eine nachhaltige Zukunft ebenso unerreichbar. Es ist das S in ESG, also die wachsende Weltbevölkerung, die Wachstum für eine nachhaltige Lösung erfordert. Wir brauchen allerdings einen qualitativen Begriff von Wachstum.

Wenn Sie Finanzminister oder Zentralbankchef wären, was würden Sie ändern?

Ich würde zwei Dinge tun, das Dringendste zuerst: raus aus der Kohle. Das Wichtigste danach: die Transformation aller Sektoren unterstützen. Eben: Schluss mit der Aufregung, hin zur Entschlossenheit.

Würmer, Raupen, Schmetterlinge

In den Portfolios von Union Investment stößt man deshalb auch auf Unternehmen wie VW und BASF. „Investitionen in Kohle schließen wir aus. Wieso aber sollten wir Unternehmen ausschließen, die noch klimaschädliche Technologien in der Produktpalette haben, künftig jedoch E-Autos produzieren oder einen wichtigen Beitrag zur Kreislaufwirtschaft leisten?“ Pontzen hat dafür einen eigenen Begriff gefunden: den Retterling. „Wir wollen unter den Würmen, den „braunen“, die Unternehmen finden, die aussehen wie Würmer, aber eigentlich Raupen sind – und in Zukunft grüne Schmetterlinge werden könnten.“

Dafür hat die Fondsgesellschaft ein Transformationsrating entwickelt, das im Kern drei Fragen stellt: Hat das Unternehmen nur eine Vision oder einen wirklichen Plan, grün zu werden? Werden dafür genügend Investitionen bereitgestellt? Gibt es Vergütungsanreize für Führungskräfte, diesen Plan umzusetzen? Wenn diese drei Fragen mit Ja beantwortet werden können, kann das Unternehmen in nachhaltige Fonds-Portfolios kommen.

Er selbst kam schon früh mit Nachhaltigkeitsthemen in Berührung: Der gebürtige Aachener wuchs im ländlichen Raum auf und war bei den Pfadfindern. Obwohl er heute nicht mehr ganz so ländlich lebt, hat er sich ein entsprechendes Bewusstsein bewahrt. Er benutzt vor allem Zug und Fahrrad und nur ganz selten sein Auto. In einem Gewächshaus baut er Gemüse an, seine Einkäufe erledigt er überwiegend auf dem Wochenmarkt. „Was das ausmacht, kann ich bei unserer vierköpfigen Familie sehr direkt messen: Pro Monat produzieren wir damit drei gelbe Säcke weniger“, berichtet Pontzen.

Zur Person

Dr. Henrik Pontzen

Dr. Henrik Pontzen leitet seit Januar 2019 die Abteilung ESG im Portfoliomanagement bei Union Investment. Langfristig, sagte er, mache es wenig Sinn, sich nur auf die ‚klassenbesten‘ Unternehmen zu konzentrieren. Stattdessen verfolgt Pontzen bei der Suche nach geeigneten Unternehmen einen aktiven Investmentansatz.

Das Interview führte Laura Dahmer, veröffentlicht im Tagesspiegel Background am 16.12.2021.

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