Der Versorgersektor: CO2-Bilanz mit Anpassungsbedarf

Der Versorgersektor: CO2-Bilanz mit Anpassungsbedarf

Der Versorgersektor in Europa steht wegen hoher Emissionen vor einem ökologischen Problem. Eine nachhaltige Transformation ist gefordert.

Der Versorgersektor: CO2-Bilanz mit Anpassungsbedarf 

Frankfurt am Main, den 21. Mai 2021 - Der Versorgersektor in Europa steht vor einem ökologischen Problem: Die Stromproduktion erfolgt noch immer relativ stark auf Basis fossiler Brennstoffe. Dadurch entstehen hohe CO2-Emissionen, die das Klima belasten. Eine nachhaltige Transformation ist gefordert. Dr. Thomas Deser, Senior-Portfoliomanager bei Union Investment, erklärt die Hintergründe dieses Wandels.

Dr. Thomas Deser ist seit April 1999 im Portfoliomanagement von Union Investment tätig. Als Senior-Portfoliomanager verantwortet er den globalen Versorgersektor sowie den ESG Convictions Basket − ein internationales Portfolio mit den aussichtsreichsten Titeln hoher Nachhaltigkeitsqualität. In der Abteilung ESG liegt sein thematischer Schwerpunkt ebenfalls bei Energiewerten.

Aus welchem Grund ist ein Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit für den Versorgersektor besonders wichtig?

Strom ist in allen Lebensbereichen unverzichtbar. Damit hat er eine strategisch sehr wichtige Rolle. Auch stromerzeugende Unternehmen haben vermehrt ein Interesse an einem nachhaltigen Wandel: Denn Erneuerbare Energien können je nach Standort inzwischen die wirtschaftlichste Form der Stromerzeugung sein. Damit steigern sie die Profitabilität dieser Unternehmen.

Zunehmend fordern stromabnehmende Unternehmen saubere Elektrizität. Denn sie ist ein Faktor in der Lieferkette, um Produkte und Dienstleistungen CO2-ärmer oder sogar CO2-neutral anbieten zu können. Besonders Hersteller von energieintensiven Produkten, das können Hochvoltbatterien sein, aber beispielsweise auch Düngemittel, können von der Verfügbarkeit von grünem Strom profitieren.

Welche Rolle spielt Wasserstoff beim Wandel des Versorgersektors?

 Wasserstoff dient zum einen als Energiespeicher. Zudem soll er aber zukünftig auch in einer Vielzahl von industriellen Produktionsprozessen zum Einsatz kommen, die nur schwer oder gar nicht elektrifizierbar sind, beispielsweise der Stahlerzeugung. Die Herstellung von tatsächlich nachhaltigem Wasserstoff gelingt aber nur mit Strom aus regenerativen Energiequellen.

Worin liegen die größten Herausforderungen?

Die notwendige Senkung der CO2-Emissionen bewegt sich im Spannungsfeld der vier Elemente der Energiepolitik: Umweltschutz, Versorgungssicherheit, Preisstabilität und Standortpolitik.

Können Sie das spezifizieren?

Der Einsatz fossiler Energieträger wie Kohle und Gas muss verringert und regenerative Energiequellen müssen ausgebaut werden. Der Lebensraum von Mensch und Tier darf dabei nicht ungebührlich beeinträchtigt werden. Gleichzeitig muss die technische Versorgungssicherheit zu jeder Zeit gegeben sein. Aber: Die dezentrale Struktur und regionale Aufteilung von Renewables-Standorten in der Breite stellen das Stromnetz vor neue Herausforderungen. Hier sind massive Investitionen und ein Ausbau des bestehenden Stromleitungsnetzes notwendig. Außerdem müssen Reservekapazitäten, also Speicherlösungen für erneuerbaren Strom vorgehalten werden, um Phasen der „Dunkelflaute“ zu überbrücken.

Inwiefern stellen Preisstabilität und Standortpolitik eine Herausforderung dar?

Die notwendigen, massiven Anfangsinvestitionen zur Transformation der Energiewirtschaft schlagen sich zunächst in einem höheren Strompreisniveau nieder. Dies gefährdet die Akzeptanz in der Bevölkerung für den Wandel und führt bei Unternehmen zu sinkenden Margen und Gewinnen und damit zu einer Beeinträchtigung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Gleichzeitig ist es Ziel der Politik, Arbeitsplätze zu sichern, technologische Kompetenzen im Inland zu erhalten und langfristig stabile Rahmenbedingungen für unternehmerisches Handeln zu schaffen. Zielkonflikte sind also programmiert.

"Die dezentrale Struktur und regionale Aufteilung von Renewables-Standorten in der Breite stellen das Stromnetz vor neue Herausforderungen. Hier sind massive Investitionen und ein Ausbau des bestehenden Stromleitungsnetzes notwendig", sagt Dr. Thomas Deser.

Wird der Wandel denn zwangsläufig zu einer Verteuerung der Strompreise führen?

Langfristig könnte die reine Stromerzeugung durch den technologischen Fortschritt, beispielsweise in der Wind- und Sonnenstromproduktion, sogar günstiger werden. Aber Geschwindigkeit kostet und genau diese wird bei dem nachhaltigen Wandel des Versorgersektors gefordert. Dadurch müssen Anreize für die Stilllegung noch nicht abgeschriebener konventioneller Kraftwerkskapazitäten gegeben werden; die Netzinfrastruktur muss schnell für eine breite Elektrifizierung fit gemacht und eine Wasserstoff-Infrastruktur geschaffen werden. Zudem müssen wie bereits beschrieben Speicher- und Überbrückungslösungen finanziert werden.

Um das Ziel zu erreichen, die Erderwärmung auf 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen, muss der nachhaltige Wandel des Energieversorgersektors auf globaler Ebene stattfinden. Inwieweit ist das realistisch?

Unterschiedliche Umweltgegebenheiten und Wohlstandsniveaus lassen erahnen, dass das Thema Erderwärmung aktuell nicht überall den gleichen Stellenwert auf der Prioritätenliste der Politik hat. Die einzuschlagende Richtung scheint aber unstrittig, wie die breite Zustimmung zum Pariser Klimaabkommen von 2015 zeigt.

Wie gehen wir mit diesem Wandel bei unseren Investitionsentscheidungen im Portfoliomanagement um?

Wir bevorzugen Unternehmen, die die Zeichen der Zeit erkannt haben und konsequent umsetzen. Das schließt neben „Grünstromerzeugern“ durchaus auch Versorger ein, die noch einen langen Weg zur CO2-Neutralität vor sich haben, diesen aber zügig und konsequent zurücklegen. Gleiches gilt für Unternehmen, die die für eine breite Elektrifizierung notwendige Infrastruktur und Technik bereitstellen. Transformations- und Umbruchsphasen bieten aber nicht nur Unternehmen aus der Energiewirtschaft Chancen: Auch auf der Seite der energieintensiven Unternehmen sehen wir Gelegenheiten bei Geschäftsmodellen, die durch eine zügige Dekarbonisierung Zukunftsfähigkeit sicherstellen.

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