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Die Zukunft der Hauptversammlungen

Im Zuge der Corona-Pandemie finden Aktionärstreffen online statt. Zur Stärkung der Aktionärsdemokratie trägt dieses Format nicht bei. 

"Die rein virtuelle HV wird sich nicht halten"

Frankfurt am Main, den 05. Mai 2021 - Hauptversammlungen finden das zweite Jahr in Folge unter Pandemiebedingungen und damit online statt. Investoren sehen ihre Aktionärsrechte eingeschränkt, Unternehmen scheuen das Rechtsrisiko. Union Investment-Vorstand Jens Wilhelm und Deutsche Bank-Vorstand Stefan Simon über die Freuden und Mühen von Aktionärstreffen.

Herr Simon, wie sehr freuen Sie sich auf die Hauptversammlung der Deutschen Bank?

SIMON: Wir freuen uns sehr auf diese Hauptversammlung, denn wir können bei dieser zweiten virtuellen Ausgabe mit einigen innovativen Elementen aufwarten. Wir freuen uns aber auch generell auf HVs unserer Bank, weil wir sie zum einen als eine wichtige Plattform für den Austausch mit unseren Aktionären und Investoren erachten. Zum anderen ist wichtig, dass sie quasi im öffentlichen Raum stattfindet. Eine Hauptversammlung ist immer auch ein Spiegelbild dessen, wie wir als Deutsche Bank in der Gesellschaft wahrgenommen werden. Das ist eine direkte Rückmeldung für uns als Management. Und die ist uns wichtig.

Das ist aber eine sehr diplomatische Antwort. Vergnügungssteuerpflichtig sind HVs für Vorstände ja in der Regel nicht.

SIMON: Natürlich ist eine solche Veranstaltung auch eine Herausforderung, unter anderem in logistischer Hinsicht. Viele Abläufe sind eingeübt und erprobt. Um der speziellen Situation vor dem Hintergrund der Pandemie gerecht zu werden, probieren wir eben auch einiges Neues aus. Und wir sind gespannt darauf zu erfahren, was davon angenommen wird.

Herr Wilhelm, teilen Sie die Freude?

WILHELM: Meine Freude ist eher gemischt. Natürlich freuen wir uns immer auf HVs, die als Versammlung der Eigentümer das öffentliche Forum sind, wo wir unsere Aktionärsrechte wahrnehmen können. Schließlich vertreten wir als Fondsgesellschaft die Interessen von 4,8 Millionen Anlegern. Im vergangenen und in diesem Jahr ist das allerdings nicht vollumfänglich möglich. Das sind schon verlorene Jahre für die Aktionärsdemokratie. Damit können wir nicht zufrieden sein und hoffen, dass sich das bald wieder ändert.

Herr Simon, was bieten Sie denn an, damit das nicht wieder ein verlorenes Jahr wird?

SIMON: In diesem Jahr haben die Aktionäre erstmals die Möglichkeit, in der virtuellen Hauptversammlung direkt zu sprechen, also ihr Rederecht über einen digitalen Kanal auszuüben. Es handelt sich nicht um Voraufzeichnungen, sondern um live gehaltene Reden. Es wird auch die Möglichkeit geben, Nachfragen zu stellen. Damit wollen wir für mehr Interaktion sorgen. Und selbstverständlich werden wir die Reden unseres Aufsichtsratsvorsitzenden Paul Achleitner und unseres Vorstandsvorsitzenden Christian Sewing wieder vorab veröffentlichen. Die Aktionäre können dann darauf reagieren, wenn sie bis einen Tag vor der Hauptversammlung ihre Fragen einreichen - 2020 sind mehr als 360 Fragen eingereicht und beantwortet worden.

Herr Wilhelm, reicht Ihnen das neue Angebot?

WILHELM: Nein. Ich finde es allerdings begrüßenswert, dass sich das Management in den Unternehmen Gedanken macht und dass die Deutsche Bank auch einen Schritt weiter geht, als sie nach derzeitigem Recht gehen müsste. Das ist aber längst nicht überall so.

Was missfällt Ihnen denn?

WILHELM: Ich hätte mir gewünscht, dass es mehr Unternehmen gibt, die sich nicht nur am gesetzlichen Mindeststandard orientieren. Das ist schade, weil man sich auf die neue HV-Saison ja hätte vorbereiten können. Da hat sich nicht viel weiterentwickelt.

Was war denn das Schlimmste, was Sie gesehen haben?

WILHELM: Die Linde-Hauptversammlung fand weitestgehend abseits der Öffentlichkeit statt und war nach 22 Minuten vorbei - ein trauriger Negativrekord. Das liegt auch daran, dass das Unternehmen seinen rechtlichen Sitz seit der Fusion mit Praxair in Dublin hat. Sollten die angelsächsischen Gepflogenheiten auch auf deutschen HVs Einzug halten, gäbe es keinen öffentlichen Dialog mehr mit den Aktionären. Im vergangenen Jahr gab es wegen der Covid-19-Notfallgesetzgebung kein Rederecht und kein Fragerecht, sondern nur noch eine Fragemöglichkeit, ohne dass die Fragen überhaupt beantwortet werden mussten. In der Summe sind viele Unternehmen von ihren Aktionären abgerückt, und es fehlte an Transparenz.

Das wird ja in diesem Jahr besser.

WILHELM: Aber nur graduell. Das fängt schon damit an, dass die Reden nicht von allen Unternehmen vorab veröffentlicht werden. Auch Nachfragen während der HV werden nicht von allen ermöglicht, ganz zu schweigen vom Rederecht.

Hört sich danach an, als sei die digitale HV durchgefallen?

WILHELM: Ich glaube, die rein virtuelle HV wird sich nicht halten. Das ist kein Ersatz für die Präsenzveranstaltung. Digitale Elemente können sie ergänzen, mehr aber auch nicht.

SIMON: Es wäre tatsächlich schade, wenn sich viele nur an den Mindeststandards orientierten. Das ist aber auch in der mangelnden Rechtssicherheit begründet. Rechtsrisiken will sich niemand unbedacht ins Haus holen. Das kann ich nachvollziehen. Wir sind im vergangenen Jahr bewusst solche Risiken eingegangen, allein schon dadurch, dass wir die Rede von Christian Sewing vorab veröffentlicht haben.

WILHELM: Ich kann honorieren, dass die Deutsche Bank da positive Impulse gesetzt hat. Mut ist an der Stelle aber auch gut investiert. Es zahlt sich aus, sich nicht einfach aus Bequemlichkeit zurückzuziehen. Nur durch Ausprobieren ist Weiterentwicklung ja überhaupt erst möglich.

Ich glaube, die rein virtuelle HV wird sich nicht halten. Das ist kein Ersatz für die Präsenzveranstaltung. Digitale Elemente können sie ergänzen, mehr aber auch nicht.

Jens Wilhelm, Vorstand Portfoliomanagement und Immobilien

Wilhelm_Zitat

Sie zeichnen schon ein sehr positives Bild davon, wie HVs sein sollten. Zur Realität gehören endlose Fragerunden. Gespräche mit wirklich wichtigen Investoren finden doch in ganze anderen Gesprächszirkeln statt. 

SIMON: Natürlich sind HVs durch rechtliche Vorgaben sehr reglementiert. Trotzdem bleibt die Hauptversammlung ein wichtiger Dialog mit Aktionärsgruppen, die wir eben nicht mehrmals im Jahr treffen können. Auch deren Perspektive ist für uns ein wichtiger Gradmesser. Es ist im Übrigen auch nicht die Aufgabe des Managements, die Debatten oder die Fragen auf der Hauptversammlung zu bewerten. Es ist nicht an uns zu entscheiden, welche Inhalte wichtig oder weniger wichtig sind. Unsere Aufgabe ist es, eine rechtlich stabile HV zu organisieren und durchzuführen, alles andere liegt in den Händen der Eigentümer. Zum Beispiel die Entscheidung, wie sie die naturgemäß begrenzte Zeit nutzen wollen und worüber sie mit uns sprechen wollen.

Wenn es um das Abstimmungsverhalten geht, dann wissen Sie dank der Gespräche vorab ja schon, bei welchen Punkten es schwierig werden könnte.

SIMON: Das ist nicht mehr so. Die Gewichte haben sich in der HV in den vergangenen Jahren verschoben, es gibt mehr Aktionäre, die genau hinschauen und Punkt für Punkt prüfen, welchen Vorschlägen sie zustimmen und welchen nicht. Das muss nicht immer gleich in einer Nichtentlastung münden. Aber wir nehmen schon wahr, wenn es in der Hauptversammlung Gegenwind bei einem Tagesordnungspunkt gibt.

WILHELM: Es braucht beides, die unterjährigen Gespräche mit dem Vorstandsvorsitzenden, dem Finanzvorstand und dem Aufsichtsratsvorsitzenden hinter geschlossenen Türen und die öffentliche Aussprache auf der HV. Nur hier können Aktionäre mit ihren Anliegen den gesamten Vorstand und Aufsichtsrat sowie die Mitaktionäre gleichzeitig erreichen. Dass die Generaldebatte auch mal länger dauern kann, wenn es viel Redebedarf gibt, müssen dann alle miteinander aushalten. Das ist sicher ein anstrengender Prozess, darf aber nicht zur Einschränkung der Aktionärsrechte führen. Sonst leidet auch die Aktienkultur in Deutschland.

Aber für die Unternehmen ist die Arbeit virtuell viel größer. Es wird viel mehr Fragen und Nachfragen geben.

SIMON: Wir haben in der Tat beobachtet: Die Zahl der Fragen hat sich etwa um den Faktor 3 erhöht. Das ist übrigens auch ein wesentlicher Grund, warum wir den Block der Live-Redebeiträge in der diesjährigen HV zeitlich begrenzen mussten. Die hohe Anzahl der vorab gestellten Fragen müssen wir auf der HV beantworten. Dann bleibt für die Redebeiträge und Nachfragen, die wir nun freiwillig erlauben, nur noch ein kleinerer Teil der Zeit übrig.

Ist das fair?

WILHELM: Es kommt darauf an, wie die Unternehmen das ausgestalten. Bei einer Redezeit von 1:30 Minuten, wie das manche Unternehmen machen, ist das schon schwierig. Ein echter Dialog ist da kaum möglich, und deswegen glaube ich auch nicht an die rein virtuelle HV.

SIMON: Das sehe ich offener. Das hat etwas mit technischen Innovationen zu tun, die es viel mehr Aktionären ermöglicht, überhaupt teilzunehmen.

Sie erwarten also gar nicht unbedingt eine hybride Zukunft?

SIMON: Ich möchte mich da gar nicht festlegen. Ich will erst einmal weitere Erfahrungen sammeln.

WILHELM: Ich bleibe da skeptisch. Wir halten es für sinnvoll, die Präsenz-HV als gesetzlichen Normalfall zu betrachten und diese digital zu erweitern, statt die rein virtuelle HV als Blaupause für die Zukunft zu nehmen. Sie kann nur eine Notlösung in der Corona-Krise sein.

SIMON: Wir haben vorhin über die Relevanz der HV gesprochen. Es wäre doch spannend zu sehen, ob wir mit mehr innovativen Ideen der HV in Zukunft auch noch mehr Relevanz geben könnten.

Woran denken Sie?

SIMON: Es ist technisch möglich, die Fragen in ein Online-Tool einfließen zu lassen, das jedem Aktionär zugänglich ist. Auf der Basis von "Eine Aktie, eine Stimme" kann die HV dann entscheiden, was den Aktionären wichtig ist. Damit erhält man eine Priorisierung, die den Willen der Aktionäre und Investoren widerspiegelt.

WILHELM: Ich hielte das nicht für sinnvoll. Dann würde die Mehrheit darüber entscheiden, was besprochen wird. Das ist keine breite Debatte.

SIMON: Wenn Sie das so sehen, dann muss man aber auch damit leben, dass die Redezeiten begrenzt werden.

Wie läuft es denn mit den Redebeiträgen, die live vorgetragen werden?

SIMON: Wir haben dafür eine Stunde eingeplant. Das ist ausreichend Zeit für 20 Aktionäre, die jeweils 3 Minuten Zeit haben. Wir geben 5 institutionellen und 15 Kleinaktionären die Möglichkeit. Wenn sich mehr als 20 melden, entscheidet das Los.

Das könnte ja bedeuten, dass die Union Investment nicht dabei ist. Wie finden Sie das denn?

WILHELM: Diese Vorgehensweise ist natürlich nicht sinnvoll, und das sage ich sicher nicht nur für Union Investment. Das ist nicht die Idee von HVs und Aktionärsdemokratie. Ich sehe die organisatorischen Zwänge, die mit dem rein virtuellen Format einhergehen können. Auch deswegen bin ich ja so skeptisch für die Zukunft dieses Formats.

SIMON: Auch in der Präsenz-HV gilt das Rederecht ja nicht endlos. Dort kann die Redezeit und die Rednerliste beschränkt werden. Davon mussten Unternehmen wie die Deutsche Bank in der Vergangenheit auch regelmäßig Gebrauch machen, weil es sonst gar nicht möglich gewesen wäre, die HV am selben Tag zu Ende zu bringen.

WILHELM: Das stimmt, aber das passiert immer dann, wenn wirklich auch viel zu besprechen ist. Nun wird aber begrenzt, obwohl man noch gar nicht weiß, was besprochen wird.

Was würden Sie sich denn für die Zukunft wünschen?

WILHELM: Nach der HV-Saison sollten sich alle Beteiligten zusammensetzen und gemeinsam überlegen und diskutieren, wie die Hauptversammlung der Zukunft aussehen soll. Wir stehen für diese Gespräche parat.

SIMON: Wir auch, und ich wünsche mir, dass wir diesen Dialog technologieund ergebnisoffen führen. Damit wir in Zukunft HVs haben, die für uns Unternehmen rechtssicher sind, vor allem aber die Bedürfnisse der Eigentümer berücksichtigen.

 

Dieses Interview erschien am 30.04.2021 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Finanzen (Wirtschaft), Seite 33. Das Gespräch führten Tim Kanning und Inken Schönauer.

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